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Aachener Nachrichten: Kommentar Bitte weiter streiten! Die EU und Großbritannien brauchen sich Von Christina Merkelbach

Aachen (ots) - Anfang Juni stellte sich der britische Premier David Cameron im Fernsehen live den Fragen von Bürgern, warum sie am 23. Juni für einen Verbleib in der EU stimmen sollten. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern beklagte, dass die Familie wegen der rasant wachsenden Mieten aus London wegziehen müsse. Die Frau wollte von Cameron wissen, wie er ihre Kinder trotzdem von einem Verbleib in der EU überzeugen wolle. Dieses Beispiel führt einen Irrtum vor Augen, dem Brexit-Befürworter wie die Fragestellerin aufsitzen. Auch dank populistischer Propaganda, etwa eines Boris Johnson oder Nigel Farage. Die Probleme, mit denen die britische Gesellschaft zu kämpfen hat, haben ihren Ursprung nicht in Brüssel. Aber wie so oft muss die EU als Sündenbock herhalten. Das gilt in vielen Debatten über die EU und ist in der Regel nicht berechtigt. Im April dieses Jahres betrug die Durchschnittsmiete in London rund 1989 Euro. Was die Mieten dort seit Jahren in derart schwindelerregende Höhen treibt, sind nicht die vielen Migranten aus der EU, also nicht die Tatsache, dass "Großbritannien nicht mehr die Kontrolle über die eigenen Grenzen hat". Vielmehr ist London die globale Finanzmetropole schlechthin und will das auch sein. Wer dort ist, konkurriert mit Superreichen aus der ganzen Welt. 72 Milliardäre lebten laut "Guardian" 2014 in London, die wenigsten davon waren Briten oder kamen aus dem restlichen Europa. London ist seit langem Spielwiese für internationale, extrem gut betuchte Spekulanten. Das wird sich auch nicht ändern, wenn Großbritannien sich aus der EU verabschiedet. Es ist auch der Preis dafür, dass die Regierung den Standort für die Großbanken so attraktiv wie möglich halten will. Es war schließlich Cameron, der sich bemerkenswert erfolgreich gegen die EU-Pläne zu Bankenregulierung und Finanztransaktionssteuer gewehrt hat. Gleichzeitig ist London aber auch durch seine Mitgliedschaft in der EU attraktiv für das Kapital. Warum all das in einem Kommentar steht, der sich gegen den Brexit ausspricht? Weil es zeigt, dass die Briten die EU brauchen und die EU die Briten braucht. Das störrische Großbritannien ist ein guter Sparringspartner für Brüssel. Mit seiner Marktliberalität bietet es ein Gegengewicht zum marktregulierenden Frankreich. Dass Großbritannien sich wiederum besonders aufsehenerregend gegen etwas wehrt, was Brüssel vorschlägt, hat Tradition, seit die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957 gegründet wurde, der London erst 1973 beitrat. Auch ein Referendum über den Verbleib in der Gemeinschaft gab es schon einmal: 1975 sprachen sich 67 Prozent der Briten dafür aus. Es ist sozusagen Teil der britischen Identität, zu Europa zu gehören und sich gleichzeitig davon abzugrenzen. Im Fall von Großbritannien gehört zur Mitgliedschaft in der EU auch zwingend, eben diese Mitgliedschaft infrage zu stellen. Von Englands größtem Dichter William Shakespeare stammen die Worte: "Es sollt' ein Freund eines Freundes Schwächen tragen." Für das Verhältnis Großbritanniens zur EU wird das sicherlich nie gelten, auch wenn sich am Donnerstag eine Mehrheit gegen den Brexit aussprechen sollte. Passender ist da schon, was Altkanzler Helmut Kohl über sein Verhältnis zur früheren britischen Premierministerin Margret Thatcher gesagt hat: Es handele sich um eine "dauerhafte Freundschaft im Streit". Es bleibt zu hoffen, dass die meisten Briten dieser besonderen Beziehung den Vorzug geben.

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