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NRZ: Gefährliche Stimmungen - ein Kommentar von JAN JESSEN

Essen (ots) - Nach den Hooligan-Ausschreitungen in Köln haben die Gewerkschaft der Polizei und Landesinnenminister Ralf Jäger von einer "neuen Dimension der Gewalt" gesprochen. Das tun Gewerkschaft und Politik jedes Mal, wenn es auf Demonstrationen zu Ausschreitungen kommt, weswegen diese Diagnose allein nicht beunruhigend ist. Zumal sie auch als Versuch verstanden werden darf, von einer offensichtlichen Fehleinschätzung des Gefahrenpotenzials abzulenken, das von dem Zusammenschluss gewaltbereiter Fußballfans und Neonazis ausging und -geht.

Ähnlich wie bei den Salafisten, gegen die der Hooligan-Mob angeblich zu Felde zieht, haben die Sicherheitsbehörden nicht rechtzeitig erkannt, welches Mobilisierungspotenzial in der Szene steckt, der es tatsächlich wohl nur um die Auslebung roher Gewaltfantasien geht. Die einen zieht es nach Syrien in den Dschihad, die anderen in den Straßenkampf. Über diese Fehleinschätzungen wird zu diskutieren sein.

Jenseits der Phrasendrescherei von Polizei und Politik ist aber zu attestieren, dass sich etwas Gefährliches zusammenbraut. Die von rechten Kadern durchsetzte Hooligan-Meute sieht sich in ihrem Kampf gegen Islamisten als Avantgarde und Interessensverwalterin des "Volkswillens"; ähnlich wie die Salafisten, die sich als Speerspitze der Umma, der muslimischen Gemeinschaft verstehen. Natürlich würden sich die meisten christlichen Bürger entschieden dagegen verwahren, mit asozialen Schlägern in einen Topf geworfen zu werden. Genauso geht es der überwiegenden Mehrheit der Muslime, die nichts mit Salafisten zu tun haben.

Leider aber docken beide Extremistenlager an existierende Stimmungen in breiteren gesellschaftlichen Schichten an. In der Mehrheitsgesellschaft wird der Islam als solcher zunehmend als Bedrohung wahrgenommen, und damit die Minderheit der Muslime in Deutschland; inklusive unreflektierter Abwehrhaltungen. Viele Muslime wiederum gefallen sich in der Opferrolle und sehen sich allerorten von der Mehrheitsgesellschaft bedroht und ausgegrenzt. Auch hier: unreflektierte Abwehrhaltungen.

Gegenseitiges Abgrenzen aber ist Gift für das gesellschaftliche Zusammenleben, auf das Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft angewiesen sind. Wo nicht mehr miteinander gesprochen wird, wo nicht versucht wird, Verständnis für den Anderen zu entwickeln, für seine Sorgen, Nöte und Ängste, da entsteht der Nährboden für Hass und Gewalt. Die Ausschreitungen von Köln machen deutlich, dass mehr denn je der Dialog notwendig ist. Ansonsten droht sie tatsächlich, die "neue Dimension der Gewalt".

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