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NRZ: Albtraum auch für die Kulturhauptstadt Kommentar zur Loveparade-Tragödie

Essen (ots) - Für uns in NRW ist das Sommermärchen vorbei. Was mit Lena, Jogis Jungs und Stillleben auf der A 40 begann, hat ein schlimmes Ende genommen. Die Loveparade-Katastrophe ist zu einem Albtraum geworden, wegen des schrecklichen Geschehens und wegen der unfassbaren Sprachlosigkeit der Verantwortlichen. Doch dieses Desaster kann niemand aussitzen. Vergessen ist das Blutbad nicht. Wird es niemals sein. 21 Menschen sind tot. Junge Leute, deren Eltern ihre Welt verloren haben, weil ihre Kinder sinnlos ums Leben gebracht wurden. Warum? Juristisch wird diese Frage die Staatsanwaltschaft beantworten. Irgendwann. Moralisch ist die Antwort seit Samstag gegeben. Stadt und Veranstalter haben schwere Schuld auf sich geladen. Das Mega-Ereignis in einer Stadt, die so unbedingt "Metropole" sein wollte, dass sie sich selbst zu viel und ihren Bürgern und Gästen tödliche Gefahren zumutete, war fahrlässig geplant. Was nun nach und nach von Journalisten ans Tageslicht gefördert wird, ist das Szenario eines großen Skandals. Viele haben gewusst, was geschehen konnte. Trotzdem haben sie im Rausch ihrer Metropolis-Fantasien und leider auch im Taumel der Kulturhauptstadt-Euphorie alle Bedenken ignoriert. Gesiegt hat nicht die Vernunft, sondern die Geilheit auf das Giga-Ereignis, die Großmannssucht eines kleinen Bürgermeisters, am Ende schlichtweg die Gier. Geschehen ist aber ein GAU. Er trifft die Stadt, das Land auch die Kulturhauptstadt, die den maßlosen Wettbewerb um immer größere Events initiiert, gefordert und gefördert hat. All das ist klar. Nur nicht die Verantwortung. Niemand bekennt sich. Niemand ist bereit, sich zu stellen. Schuld wird davon geschoben. Es gilt das Schwarze-Peter-Prinzip. Von Gerechtigkeit, gar Glaubwürdigkeit nirgends eine Spur. Die vielen Angehörigen der Toten und die Verletzten haben aber ein Recht darauf, dass ihnen Antworten gegeben werden, dass jemand um Verzeihung bittet. Oberbürgermeister Adolf Sauerland wäre verpflichtet dies zu tun. Dazu wurde er gewählt. Ein OB ist nicht nur fürs Fassanschlagen zuständig, er ist der erste Bürger seiner Stadt. So müsste er in der schlimmsten Stunde, die seine Mitbürger erleben mussten, bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, Konsequenzen zu ziehen, weil auch seine Loveparade-Planung zu einer furchtbaren Katastrophe geführt hat. Stattdessen hat er die Opfer verhöhnt, sie selbst für ihren Tod verantwortlich gemacht. Völlig zu Unrecht, wie die Untersuchungen jetzt bewiesen haben. Nun sollen die Polizisten Schuld sein - einfache Beamte, die Leben retten mussten, die von miserablen Veranstaltungsmachern in tödliche Gefahr gebracht worden sind. Der Duisburger Oberbürgermeister ist zu einer Symbolfigur für den herzlosen Bürokratenstaat geworden: Statt Verantwortung zu tragen, so schwer es sein mag, duckt sich dieser Herr Sauerland flach in die Furche; glaubt, er könnte sich seiner Verantwortung entziehen. In seiner Verwaltung wurde immer wieder vor der Loveparade gewarnt. Jetzt wird getrickst, damit die interne Kritik nicht im Nachhinein die Öffentlichkeit erreicht. Sauerland taucht ab. Er hat noch immer nicht begriffen, was in Duisburg geschehen ist; dass seine Bürger in Schock und Trauer sind - und voller Wut über ihr unwürdiges Stadtoberhaupt. In seltener Selbstüberschätzung ließ er mitteilen, er würde gebraucht, um an der Aufklärung mitzuwirken. Ja, aber vermutlich als Beklagter, mindestens als Zeuge. Als OB erweckt er zur Zeit den Eindruck, nicht Aufklärer, sondern Vertuscher zu sein. Die traumatisierten Bürger aber sehnen eine Stadtführung herbei, die sich endlich entschuldigt. Es bedarf eines glaubhaften Zeichens, das die Bestürzung und die bittere Verzweiflung der Duisburger, deren Namen für immer mit diesem Desaster verbunden sein werden, zum Ausdruck bringt. Adolf Sauerland liefert das Gegenteil. Er ist zum Prototyp des Büro-Bonzen geworden, der weit weg ist von der Wirklichkeit der Menschen. Nein, Rücktritt kommt nicht in Frage. Um sein "Seelenheil" sorge er sich, sagt er. Oh weh. Christlich ist das nicht. Denn Seelenheil hat mit Einsicht in die Schuld zu tun, vor allem aber mit aufrichtiger Reue. Davon ist Herr Sauerland weit entfernt. Warum sind sie noch nicht zurückgetreten, Herr Sauerland?

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