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WAZ: Die Angst vor der eigenen Courage - Kommentar von Matthias Korfmann zur NRW-SPD

Essen (ots) - Kann die NRW-SPD den versprochenen "Neuanfang" schaffen? Mit einem klaren Ja oder Nein ist das derzeit nicht zu beantworten. Bisher hat die Partei nur erkannt, dass sie sich neu erfinden müsste. Allerdings weckt die Art und Weise, mit der sie in die Zeit nach Hannelore Kraft startet, keine großen Erwartungen. Die SPD setzt zunächst weiter auf ihre alte Garde, ausgerechnet auf jene, die die Niederlage zu verantworten haben. Eine Rebellion ist nicht mal im Ansatz zu erkennen.

Woran es gelegen hat, dass sich so viele Wähler von der Sozialdemokratie abgewendet haben, wissen sie inzwischen genau: selbstgefälliger Wahlkampf, Personenplakate statt Themen, fehlende Streitkultur in der Partei, zu große Distanz zum Bürger, zu braver Auftritt. In der Analyse von Niederlagen ist die SPD stark. Wenn es aber darum geht, diese Erkenntnisse in Politik zu verwandeln, bekommt sie regelmäßig Angst vor der eigenen Courage.

Im Grunde möchte die SPD gar nicht artig sein. Kanzlerkandidat Martin Schulz und die neue NRW-SPD-Generalsekretärin Svenja Schulze lobten in Duisburg Labour-Chef Jeremy Corbyn für dessen engagierten Wahlkampf in Großbritannien. Der sei einer, der den Konservativen die Stirn biete, hieß es. Corbyn, den bis vor kurzem innerhalb und außerhalb von England kaum jemand ernst nahm, ist aber das genaue Gegenteil von den vielen braven Spitzen-Sozialdemokraten in Deutschland. Der Labour-Mann ist dicht an der Basis, er fremdelt aber mit der eigenen Parteielite.

Wenn Michael Groschek es ernst meint mit dem "Neuanfang, der sich gewaschen hat", dann muss er seine Partei offen streiten und experimentieren lassen. Dann muss er beizeiten auch die jungen Wilden ranlassen, die noch Lust haben auf Politik. Den Altvorderen ist diese Lust zuletzt nämlich abhanden gekommen.

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