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WAZ: Die Geister, die Putin rief. Kommentar von Gudrun Büscher zum Mord an Nemzow

Essen (ots) - In schauriger Regelmäßigkeit sterben Kreml-Kritiker eines unnatürlichen Todes. Auch Boris Nemzow hat oft davon gesprochen, dass ihn seine Kritik am System Putin ("Ein Haufen Scheiße mit Blattgold überzogen"), die er furchtlos und offen äußerte, irgendwann das Leben kosten könnte. Er wollte keine Leibwächter. Er wollte sich nicht einschüchtern lassen. Jetzt ist er tot. Hinterrücks erschossen vor den Toren des Kreml. Es sieht nach einem Auftragsmord aus. Doch wer die Mörder geschickt hat, wird vermutlich nie restlos aufgeklärt werden. Das hat traurige Tradition in Russland. Auch die reflexartige Reaktion, hinter allem Übel immer sofort den russischen Präsidenten zu vermuten, ist zu einfach. Profitiert Putin wirklich vom Tod des Oppositionellen? Hat er seine Ukraine-Enthüllungen so sehr gefürchtet? Das ist sehr unwahrscheinlich. Dass Russen in der Ukraine kämpfen, weiß inzwischen jedes Kind. Was ist, wenn Putin die Geister, die er rief - nationalistisch, faschistisch oder einfach nur brutal -, längst nicht mehr unter Kontrolle hat? Was ist, wenn in dem vergifteten russischen Klima aus Angst, Gewalt und Hass etwas entstanden ist, was sich verselbstständigt hat? Putin zeigte sich am Wochenende betroffen und hat Aufklärung versprochen. Ob der Präsident das auch halten will und kann, ist mehr als fraglich.

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