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WAZ: Die Partei der Nichtwähler... Kommentar von Ulrich Reitz

Essen (ots) - ...gibt es nicht. Am Sonntagabend wird es aber trotzdem wieder heißen, der eigentliche Gewinner von Kommunal- und Europawahl sei die Partei der Nichtwähler. Als ob es eine organisierte Gegenbewegung geben würde zu CDU und SPD, mit halbwegs einheitlicher ideologischer Vorstellung und einem nachlesbaren Programm. Es gibt sie nicht. Und auch die Überzeugung, eine hohe Wahlbeteiligung sei ein Zeichen für politische Stabilität, ist vor allem ein Vorurteil. Nichtwählen muss man sich ja auch leisten können. Ginge es um Leben und Tod, die Menschen würden in Scharen wählen. Es geht aber in Europa, verkürzt, nur um die Frage, ob Herr Schulz oder Herr Juncker eventuell gewinnt, um dann an die Spitze der Europäischen Kommission zu rücken, die es bis heute nicht vermocht hat, den Menschen zu erklären, was sie so treibt und weshalb. Nichtwählen hat viele Gründe. Voran Sorglosigkeit und Bequemlichkeit. Oder Krankheit. Oder geringe Bildung. Obdachlose wählen in der Regel nicht, ebenso wenig wie die Zeugen Jehovas, weiß die Wahlforschung. Wer älter ist, geht in der Regel wählen, die Jüngeren eher nicht, vor allem jene zwischen 21 und 24 Jahren, von denen viele nach ihrem ersten Mal das Interesse verlieren. Auch wer auf dem Land lebt, geht in der Regel wählen. Je städtischer, desto wahlmuffeliger. Der Grund: Auf dem Land ist der Zusammenhalt größer, in den Städten die Vereinzelung. Wer in einem Verein Mitglied ist, der geht in der Regel wählen, erst recht, wenn der Verein die Kirche ist. Akademisch gesagt: Integration führt zu Partizipation. Allerdings nimmt die Desintegration zu, die Kirchen haben weniger Mitglieder und die Bindungskraft von Parteien hat dramatisch nachgelassen. Den Parteien fällt es immer schwerer, Wähler zu mobilisieren. Das gilt besonders für die SPD. Schließlich gibt es den verbreiteten Irrtum, die Bundestagswahl sei wichtig, Kommunal- und Europawahl nicht. Dabei ist Brüssel wichtiger als Berlin und was vor Ort passiert, geht die Menschen oft unmittelbarer an als der Berliner Betrieb. Eine niedrige Wahlbeteiligung bedeutet keineswegs eine Abwendung von der Demokratie. Also: Mehr Gelassenheit am Sonntagabend.

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