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WAZ: Das Kapital flieht vor Putin. Kommentar von Stefan Schulte

Essen (ots) - Das verbale Wettrüsten zwischen Russland und dem Westen hat längst die Qualität kalten Krieges und zeitigt ökonomisch bereits Wirkungen, die Moskau um Jahrzehnte zurückwerfen könnten. Dass eine US-Ratingagentur die Kreditwürdigkeit Russlands herabstuft, ist dabei nur Ausdruck dessen, was bereits passiert ist und weiter passieren wird: Die Menschen in Russland mögen Putins Parolen folgen, das Kapital folgt lieber seiner Nase - und flieht. Das setzt Mechanismen in Gang, die sehr schnell auch die einfachen Bürger treffen werden. Der Absturz des Rubel verteuert die Importe, und weil Russland gerade Verbrauchsgüter massenhaft einführen muss, treibt das die Preise in den Läden nach oben. Die Reaktion darauf, der steigende Leitzins, soll die Inflation und die Kapitalflucht eindämmen. Ob das gelingt, ist fraglich. Ziemlich sicher aber wird der Zinssprung die ohnehin schon stagnierende Wirtschaft weiter nach unten ziehen. Folge sind niedrige Löhne bei steigenden Preisen - das kennt die russische Bevölkerung aus allzu leidvoller Erfahrung. Die politische Destabilisierung, die Putin in der Ukraine betreibt, findet in Russland ökonomisch statt. Natürlich wird er dem Westen dafür die Schuld geben. Mögen die Sanktionen selbst nicht viel Schaden anrichten, die Kapitalflucht werden sie antreiben und so die Wirtschaft des Landes weiter schwächen. Die große Frage ist, wie die Russen darauf reagieren. Die Hoffnung, dass Putin, beliebt wie nie, unter Druck einknickt, scheint allzu fromm. Russland droht eine Krise, die zu noch mehr Autokratie und ökonomischer Rückständigkeit führt. Das kann niemand wollen - eigentlich.

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