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WAZ: Die Shell-Studie 2010 - Die Jugend von heute - Leitartikel von Christopher Onkelbach

Essen (ots) - Bekleidet nur mit rohen Fleischlappen und Netzstrümpfen betrat Pop-Diva Lady Gaga die Bühne bei der Verleihung der MTV Video-Preise. Sie mag gedacht haben: Ihr wollt Fleisch sehen? Ich gebe Euch Fleisch! So hat sie den Voyeurismus der Pop-Industrie satirisch auf die Spitze getrieben und zugleich effektvoll bedient: Sie gab dem Publikum und der ganzen Branche, wonach sie gieren: ein Skandälchen. Wer allerdings meint, von den übersexualisierten Selbstdarstellungen von Rihanna und Co auf die Befindlichkeit der jugendlichen Fans schließen zu können, dürfte ziemlich daneben liegen. Ihre Lebensziele sind Familie, Beruf, Kinder und ein Häuschen mit Garten. Werte wie Treue, Pünktlichkeit, Disziplin, Höflichkeit und Respekt gelten ebenso nicht mehr als spießig wie Bausparverträge und Lebensversicherungen, ergab kürzlich eine Jugendstudie im Auftrag des Bundes. Reihenhaus statt Rebellion ist also angesagt. Und auch mit dem Sex sind Jugendliche offenbar zurückhaltender geworden, selbst wenn sie Lady Gaga geil finden. Die Shell-Jugendstudie, seit Jahrzehnten ein Standardwerk der Jugendforschung, bestätigt dieses Bild. Weit und breit ist nichts zu sehen von einer Null-Bock-Generation. Trotz der Wirtschaftskrise blicken Jugendliche weitgehend optimistisch in die Zukunft, packen ihr Leben an und sind engagiert. Arbeit für die Gemeinschaft finden sie nicht uncool, im Gegenteil: 30 000 junge Menschen entscheiden sich jedes Jahr nach der Schule für ein Freiwilliges Soziales Jahr, leicht könnten 60 000 Stellen besetzt werden, doch es fehlt den Trägern an Geld. Auch hier zeigt sich, dass die Politik es nicht versteht, diese soziale Energie der Jugend zu nutzen. Parteienstreit schreckt sie ab, sie verlangen nach Visionen. Dafür lassen sie sich begeistern. Das muss nichts Großes sein, nichts Weltbewegendes. Doch konkret muss es sein: Umweltprojekte, Tierschutz, Alten- oder Behindertenhilfe, Theater, Sport, Musik, Nachhilfe - dies alles lässt sich mit etwas pädagogischem Geschick einmünden in eine Vision, in eine Idee von einer lebenswerten Welt. Schwer vorstellbar, dass ein junger Mensch da nicht mitmachen wollte. Was indes Sorgen bereitet, ist die wachsende soziale Kluft der Gesellschaft, die sich unter Jugendlichen fortsetzt. Kinder aus sozial benachteiligten Familien sehen ihre Zukunft deutlich düsterer. Auch das Interesse an politischen Themen und sozialem Engagement ist unter diesen Jugendlichen klar geringer. Die Shell-Studie zeigt erneut, dass Bildung und Schulabschluss die Schlüssel sind zum Lebenserfolg. Diesen Befund muss die Politik als Auftrag verstehen.

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