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WAZ: Sarrazin, die SPD, die Bundesbank - Worüber man reden kann und worüber nicht - Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Den vielen Sozialdemokraten, die jetzt gegen einen Rauswurf von Thilo Sarrazin aus der SPD protestieren, muss man sagen: Sorry, aber darüber, was er im Kern gesagt und geschrieben hat, kann man nicht diskutieren. Nicht, ohne sich in irgendeiner Weise mitschuldig zu machen. Wollen wir wirklich eine Debatte führen über biologisch-kulturelle Festlegungen als Ursachen fehlender oder mangelnder Integration von Migranten? Das wäre ein zivilisatorischer Rückschritt: Wir haben mit großer Anstrengung diese Art von Denkverirrung überwunden; und Wolfgang Schäubles Hinweis auf die Verheerungen, die sozialdarwinistische Theorien vor gar nicht so langer Zeit stifteten, ist ja nur zu berechtigt. Ginge es nur um eine scharfe Abrechnung mit einer falschen Integrationspolitik: Darüber ließe sich streiten. Ginge es nur um die Frage, ob ein gut gemeinter Sozialstaat, anstatt Teilhabe zu fördern, diese verhindert: Auch das wäre eine ernsthafte Debatte wert. Aber darum geht es Sarrazin ja nicht. Es geht ihm um viel mehr: Er will feststellen, dass biologische, genetische, also unveränderbare Faktoren in Kombination mit kulturell-historischen, gleichfalls unverrückbaren Prägungen Menschen festlegen. Dieser biologisch-kulturelle Determinismus ist anti-aufklärerisch, man darf ihn also nicht dulden. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", hat Kant gesagt. Und dass Aufklärung der Ausgang des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit sei. Kant will uns sagen: Wir haben die Kraft, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sarrazin will uns sagen: Genau das können wir uns sparen. Die SPD muss also Sarrazin herauswerfen, genauso, wie ihn auch die CDU hinauswerfen müsste. Die Bundesbank muss sich von Sarrazin trennen, weil er mit seinem Verhalten deren Unabhängigkeit infrage stellt, also als Vorstandsmitglied dieser wichtigen Institution Schaden zufügt. Bundespräsident Wulff, Bundeskanzlerin Merkel, Bundesbankchef Weber und SPD-Chef Gabriel müssen den vielen Menschen, die glauben, Sarrazin habe ja recht, genau erklären, weshalb dies nicht der Fall ist. Und dann muss einen tabulose Diskussion stattfinden über die Leistungen und Versäumnisse der Integrationspolitik. Eine Debatte, die übrigens längst hätte geführt werden müssen und um die sich alle Parteien herumgemogelt haben. Dass ausgerechnet jemand wie Sarrazin dieses Versäumnis durch seine krachenden Thesen auf die Tagesordnung setzen konnte, haben sie sich selbst zuzuschreiben.

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