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WAZ: Roland Koch geht - Die CDU ist jetzt nur noch Angela Merkel - Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Roland Koch geht, die CDU wird merkeliger. Noch merkeliger, zeitgeistiger, (links-) populärer, werden Konservative jetzt jammern. Und so ist es auch kein Zufall, dass das größte Bedauern über den angekündigten Abgang des hessischen Ministerpräsidenten von dessen Kollegen aus Bayern kommt. Der letzte Konservative von Rang in der CDU heißt jetzt Stefan Mappus. Stefan wer? Gerade zuletzt hat Koch das Bild einer anderen CDU entworfen. Einer Anti-Merkel-Partei. Sparen auch bei der Bildung, Steuern erhöhen, Kita-Plätze eher nicht ausbauen. Es ist eine CDU, die wirtschafts- und finanzpolitische Kompetenz verbindet mit einem traditionellen Familienbild. Zu Alfred Dreggers Zeiten (für die Jüngeren: Das ist der hessische CDU-Spitzenpolitiker, der eine Gruppierung innerhalb der Union anführte, die nicht umsonst "Stahlhelm" hieß) musste man noch das Nationale hinzuzählen. Aber Koch ist, wie sein Vorbild Helmut Kohl, überzeugter Europäer. Koch geht, weil er immer überzeugt war, es besser zu können als Merkel, aber nie die Chance bekam, dies zu zeigen. Ohne die CDU-Spendenaffäre wäre Koch womöglich Kanzler geworden. So blieb er in Hessen, auch, weil Merkel es so wollte. Sie hätte ihn nach Brüssel schicken oder in ihr Kabinett holen können. Aber sie wollte dem erklärten Rivalen nie auch nur den Hauch einer Chance einräumen. Kohl, Schäuble, Merz - und jetzt Koch. Allmählich nimmt die Liste der von Merkel politisch überlebten CDU-Granden fast schon beängstigende Ausmaße an. Spitzenpolitiker-Jahre zählen doppelt, mindestens. Nach einem sehr langen Leben in Führungsposition wusste Koch, dass er nichts mehr werden würde. Da geht er lieber selbst. Man muss an dieser Stelle hinzufügen, dass viele andere die Kraft nicht haben oder hatten. Nun wird Koch, der Anwalt, in die Wirtschaft gehen. Männer mit Durchsetzungsvermögen sind dort gefragt. Die Forderung der Grünen, die Bundesregierung müsse in den nächsten drei Jahren jeden Wirtschaftsjob von Koch genehmigen, ist lächerlich. Mussten Schröder oder Fischer sich ihre lukrativen Berufe im internationalen Öl-Business etwa genehmigen lassen? Koch sollte es vielleicht anders machen als Friedrich Merz. Zuletzt drohte der Hesse mit deutlichem Anti-Merkel-Unterton, sich auch fortan kritisch zu Wort melden zu wollen. Sollte er wirklich noch nicht gelernt haben, dass Interventionen von außen bei Parteien, schon gar Parteiführungen, weniger bewirken als nichts? In der Politik gilt schließlich noch immer die Kinder-Weisheit: weggegangen - Platz vergangen!

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