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WAZ: Zum Tag der Einheit - Was uns noch trennt. Leitartikel von Rolf Potthoff

Essen (ots) - Heute ist der Tag der Einheit. Was machen Sie an diesem Tag? Rotkäppchen-Sekt kreisen lassen, aus Freude über die Wiedervereinigung? Still der Zeiten gedenken, in denen man Päckchen mit Kaffee "nach drüben" schickte und Kerzen in die Fenster stellte: Ihr seid nicht vergessen? Oder sich ärgern, weil der Einheitstag den Samstag-Einkaufsspaß vermasselt? Gewiss, "Wind of Change" der Scorpions jagt einem noch heute Gänsehaut über den Rücken. Die unverlogenen Tränen des Glücks in der Nacht des Mauerfalls rühren noch an. Doch sind pathetische Sentimentalitäten geschwunden. Sachlichkeit zog ein. Dafür sorgen ernüchternde Fakten: Mehr als 250 Milliarden Euro flossen in den Aufbau-Ost, ohne dass das Werk nach 20 Jahren vollendet wäre. Je nach Rechnungsgrundlage wird oft ein Mehrfaches genannt. Die Ost-Arbeitslosigkeit liegt deutlich höher als die Arbeitslosigkeit in Deutschland-West. Nach wie vor strömen Ostdeutsche in den Westen, weil sie hier bessere Chancen für Arbeit, Ausbildung und für ihre Zukunft sehen. Rund 1,1 Millionen Menschen wechselten seit 1991 in den Westen. Für gleiche Lebensverhältnisse spricht das nicht. Zur Analyse 2009 gehört aber auch das: In Deutschland-Ost blühen Kommunen auf, weil sie (so gut wie) schuldenfrei sind, siehe Dresden. Dennoch fließen weiter Solidarbeiträge dorthin, und zwar von Städten im Westen, die sich dafür tiefer verschulden müssen, weil sie selbst so gut wie pleite sind. Dass solcher "Aufbau absurd" nicht die Herzen für die Überwindung des noch Trennenden öffnet, liegt auf der Hand. Was möglicherweise weiter die Freude zum Jubiläumstag trübt, ist der Umstand, dass Geschichte und Wesen des Regimes in Vergessenheit zu geraten drohen. Wenn Jugendliche heute Adenauer für den Kanzler der DDR halten, wirft dies kein gutes Licht auf Gesellschaft und Schule. Wenn SED-Funktionäre z. B. bei der Verrentung besser gestellt sind als Opfer des Stasi-Unwesens, hinterlässt das das miese Gefühl von Ungerechtigkeit. Und viel zu geduldig sieht die Öffentlichkeit zu, wie es "schick" wird, in Ostalgien zu schwelgen, gar den Honecker-Staat als das sozialere Deutschland zu verklären. Das verhöhnt die Mauertoten. Natürlich tut die Politik zum Jubiläumstag gut daran, wenn sie den Bürgermut ehrt, der das Regime heldenmütig und friedlich überwand. Und wenn sie die Aufbaufortschritte betont. Es muss aber auch klar sein: Vollendet ist die Einheit noch lange nicht. Pressekontakt: Westdeutsche Allgemeine Zeitung Zentralredaktion Telefon: 0201 / 804-6528 zentralredaktion@waz.de Original-Content von: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, übermittelt durch news aktuell

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