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WAZ: Integrationspolitik - Das Ende der Illusionen. Leitartikel von Frank Stenglein

    Essen (ots) - Integrationspolitik gehört zur Handvoll Großthemen, die in diesem Wahlkampf keine Rolle spielen, obwohl sie zweifellos für das Land schicksalhaft sind. "Ungeeignet für den politischen Streit", heißt es dann oft. Das ist falsch. Ohne Auseinandersetzung bewegt sich in einer offenen Gesellschaft nun einmal nichts. Auch von Armin Laschet war in den letzten Wochen wenig zu hören. Immerhin: Der CDU-Politiker ist ersatzweise unter die Buchautoren gegangen, und das ist ja auch was.

      Über viele Jahrzehnte, Laschet beklagt es zu Recht, war die
deutsche Integrationspolitik von Illusionen bestimmt. Konservative
wollten nicht einsehen, dass die "Gastarbeiter" längst zum Bleiben
entschlossen waren, dass sie ein Teil des Landes wurden. Linke
erhofften sich eine schleichende "Verwässerung" dessen, was sie an
Deutschland hassten und nannten das ganze "Multikulti". Beide Seiten
ignorierten Erfahrungen altgedienter Einwanderernationen, etwa die,
dass Spracherwerb unabdingbar ist.

      In den USA gibt es eine schöne Wendung: "Das Land veränderte sie,
und sie veränderten das Land." In dieser Reihenfolge, wohlgemerkt.
Soll heißen: Einwanderung ist anstrengend und mit Veränderungsstress
verbunden, zeitversetzt übrigens für Neu- wie für Altbürger
gleichermaßen. Die neudeutsche Straßenfest-Idylle, wo alle erzählen,
wie toll sie sich finden, wo sich friedlich Döner- mit
Reibekuchen-Duft mischt, ist ein ziemlich kleiner Teil der Realität.
Das wissen alle, die in Zuwanderer-Stadtteilen wirklich leben, statt
aus sicherer Entfernung ihren Theorien nachzuhängen.

      Nun haben, und das ist die gute Nachricht, viele dazugelernt,
sogar bei CDU und Grünen. Wir brauchen Zuwanderer, ja, aber eben
solche, die dynamisch sind, die etwas leisten und sich auf unser Land
einlassen wollen. Genau deshalb verfolgt diese Zeitung das Schicksal
des 18-jährigen Arme-niers Harut Vardanjan (siehe Seite 4) mit soviel
Empathie. Was hingegen nicht mehr sein kann, ist die immense
Einwanderung in die Sozialsysteme. Der Mut, zwischen gewünschter und
unerwünschter Einwanderung zu unterscheiden und dafür endlich ein
Regelwerk, ein Punktesystem zu schaffen, ist Voraussetzung für mehr
Akzeptanz.

      Was ist mit denen, die bereits hier sind? Ihnen gilt es, Chancen
zu eröffnen. Das müssen die Altbürger im eigenen Interesse leisten,
und da ist noch mehr möglich als bisher. Aber es muss
unmissverständlich klar sein: Diese Chancen sind wahrzunehmen. Auch
daran mangelt es viel zu oft.

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