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WAZ: Der Fall Christoph Broelsch - Halbgott vor Gericht. Kommentar von Frank Stenglein

    Essen (ots) - Ob der Star-Chirurg Christoph Broelsch schuldig im Sinne der Anklage ist, wird das Gericht feststellen. Bis dahin gilt, wie für jeden anderen, die Unschuldsvermutung. Dies vorausgeschickt, lässt es dennoch tief blicken, wenn der hochdekorierte frühere Chefarzt am Essener Uni-Klinikum die Anklageschrift gestern als "Zumutung" skizzierte. Die Wortwahl zeigt, dass der 65-Jährige nicht begriffen hat, worum es geht. "Halbgott in Weiß" heißen treffend jene herrischen Ärzte, die heute gottlob seltener geworden sind. Vor den Königen des Krankenhauses zittern Untergebene wie Patienten, und Broelsch verkörpert diesen Typus auf geradezu klischeehafte Weise. Das Recht der Gesundheitsbürokratie, medizin-ethische Standards zu formulieren, ist für solche Giganten genau dies: eine Zumutung, eine Beleidigung ihres Genies. Die Versuchung ist dann groß, sich eine Privatmoral zu basteln, der Broelsch mit allerbestem Gewissen weiter anzuhängen scheint. Auf Broelschs OP-Tisch lagen tausende hoffende Menschen bis hin zum früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, der seinem Arzt tief verbunden war. So jemandem mag die Einsicht schwerfallen, dass Regeln auch für ihn gelten. Doch genau so ist es.

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