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WAZ: Jugendliche und Computer - Mehr Zeit für Kinder. Leitartikel von Julia Emmrich

    Essen (ots) - Schule aus, Computer an: Wer nachmittags ins Kinderzimmer kommt und den Stecker aus der Dose zieht, löst Katastrophen aus. Für die meisten Jugendlichen ist Freizeit heute ohne Chatrooms, Spiele und Communities undenkbar. Oder, sagen wir es gleich: ein Weltuntergang. Sie erfahren nicht, was los ist. Sie wissen nicht, was geredet wird im virtuellen Freundeskreis, hören nicht, wer gerade mit wem und seit wann. Man vergisst das schnell, aber: Mit 13 kann sich so etwas tatsächlich anfühlen wie der Untergang der Welt.

      Man kann nun fragen, ob das schlimm ist. Es gibt durchaus
Jugendforscher, die sagen, dass sich das Geschehen eben nur verlagert
hat: Von der heimlichen Raucherecke hinter der Turnhalle in eine der
vielen Netz-Communities. Und dass gerade Mädchen, die früher
stundenlang telefonierten, sich heute eben im Internet verabreden.
Was jedenfalls billiger ist, als übers Handy zu telefonieren.

      Die Mädchen schwätzen endlos, die Jungen spielen Ballerspiele.
Und auch da könnte man wieder fragen: Ist das an sich schon schlimm?
Hat sich da nicht auch bloß wieder ein Stück typisches Jungsleben ins
Virtuelle verschoben? Sind die meisten Ballerspiele nicht einfach
eine andere Form von Spaßkloppe? Und ist die ganze Aufregung am Ende
also höchstens ein Problem der Orthopäden, die wissen, dass der
Mensch nicht fürs Dauersitzen gemacht ist? Man kann so argumentieren.
Man muss sich dann aber eine Frage gefallen lassen: Warum haben
nahezu alle Eltern instinktiv ein ungutes Gefühl, wenn sie sehen, wie
ihre Kinder stundenlang am Computer hocken und immer weniger von dem
tun, was zum Idealbild einer guten Kindheit gehört: Die Welt mit
allen Sinnen zu entdecken - statt sie nur anzuklicken.

      Der Instinkt der Eltern deckt sich mit vielen Studien, die sagen:
Kinder, die regelrecht vor dem Bildschirm aufwachsen, nehmen Schaden.
Die Suchtgefahr ist real. Und: Je jünger die Kinder sind, desto
schwerwiegender sind die Folgen. Es gibt Hirnforscher, die raten
deshalb klipp und klar: Kinder im Vorschulalter gehören überhaupt
nicht vor den Bildschirm - weder vor den Computer noch vor den
Fernseher.
Also doch den Stecker ziehen? Das wäre Steinzeitpädagogik. Mit
Belohnungen zum Bücherlesen treiben? Um Himmelswillen, nein. Aber
warum nicht mal neue Wege gehen, Rituale im wirklichen Leben
schaffen. Sich gegenseitig vorlesen zum Beispiel. Oder: "Du spielst
mir deine Musik vor, ich spiele dir meine vor." Das braucht Zeit. Und
da fängt die Debatte von vorne an.

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