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WAZ: Pilgern heute - Alle sind dann mal weg - Leitartikel von Angelika Wölk

    Essen (ots) - Was verbindet den Stammvater Abraham mit den neuen "Touristen" auf dem alten Jakobsweg nach Santiago de Compostela? Sehr viel. Sie sind beide auf einer ganz besonderen Wanderschaft. Sie sind Pilger. Abraham verließ auf Geheiß seines Gottes vor einigen tausend Jahren das sumerische Fleckchen Ur im heutigen Irak. Was er verließ, das wusste Abraham; was er finden sollte, das wusste er nicht. Und das ist geblieben auf jeder Pilgerreise bis in die heutige Zeit: Sie wissen nicht, was sie erwartet, sie wissen nicht, wo sie ankommen. Der Weg ist ihr Ziel.

      Pilgerreisen liegen voll im Trend. Und das nicht erst, seit der
TV-Komiker Hape Kerkeling sich 2001 auf den Jakobsweg begab. Aber er
hat mit seinem Buch allen Jakobs-Pilgern eine Hymne gegeben: "Ich bin
dann mal weg." Heute sind alle dann mal weg. Weltweit machten sich
2006 150 Millionen Menschen auf die geistige Wanderschaft. Jedes Jahr
wallfahren allein ins bayerische Altötting eine Million Menschen,
fast ebenso viele sind es, die nach Kevelaer kommen, und auf dem 800
Kilometer langen spanischen Jakobsweg begegnen sich zwischen 120 000
und 170 000 Menschen jedes Jahr. Die Reisebranche hat längst
reagiert.

      Aber was treibt Menschen heute aus der säkularisierten, Gott-und
Glaubensfernen Industriegesellschaft dazu, eine lange, beschwerliche
Pilgerreise anzutreten? Es sind Menschen, die auf der Suche sind -
nach einem Ort, nach sich selbst, nach Heilung, nach Erkenntnis, nach
Gott, nach einem spürbaren Abschied aus einer Lebensphase.
Pilgerreisen, so hat es den Anschein, geben den Menschen all das, was
sie in ihrem Alltag verloren zu haben glauben. Die Pilgerreise ist
eine moderne Form von Spiritualität geworden.

      Und das funktioniert heute, im Gegensatz zum Mittelalter, bei
vielen Menschen auch ganz ohne Kirche. Denn anders als bei der
traditionellen Wallfahrt, die viel enger mit der Kirchengemeinde
verbunden ist und die fest auf den tiefen Glauben an Wunder baut,
müssen die neuen Pilger nicht einmal einer Religion angehören.
Insofern kann es nicht überraschen, dass die Kirchen von diesem Trend
nicht wirklich profitieren.

      Erhoffte sich der Pilger des Mittelalters vor allem Heil und
Vergebung seiner Sündenstrafen von der beschwerlichen Fußreise, so
steht heute eher die Erfahrung mit der Ursprünglichkeit und
Einfachheit auf den alten Wegen im Mittelpunkt. Aber ganz im Geheimen
hat auch der Kirchen-fernste Pilger eine Gewissheit: Schaden wird es
auch nicht.

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