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WAZ: Parteitag nominiert McCain - Der Kandidat, der den Wandel will - Leitartikel von Markus Günther

    Essen (ots) - Das Wort "Kampf" benutzte John McCain in seiner Rede 43 mal. Das Wort "Bush" kam nicht vor. Das Wesentliche seines Wahlkampfes ist damit schon gesagt: Mit Bush will der Republikaner McCain nicht in Verbindung gebracht werden, statt dessen präsentiert er sich den Wählern als kompromissloser Kämpfer gegen Lobbyisten, Parteiengeschacher, Machtmissbrauch und Korruption.

      Wie kann McCain sich als Reformer präsentieren, wenn doch seine
eigene Partei seit acht Jahren an der Macht ist? Er selbst war eben
nicht in der Regierung, im Gegenteil, er war oft einer der heftigsten
Kritiker der Regierung Bush. So war es in Sachen Guantanamo, Folter
und CIA-Machenschaften, so war es beim Klimawandel und bei der
Wahlkampffinanzierung. Wenn es einen Republikaner gibt, der für sich
in Anspruch nehmen kann, "anders" zu sein, dann heißt er John McCain.

      Andererseits hat seine Parteitagsrede doch auch die Schwächen
seiner Strategie offenbart. Worin genau soll eigentlich der Wandel
bestehen? Programmatisch blieb McCain so vage und unscharf, wie man
es Barack Obama - völlig zu Recht - immer wieder vorwirft. Aber Obama
braucht für den Wahlsieg vielleicht auch keine Liste überzeugender
Vorschläge; er kann auch als Epochenphänomen gewinnen, als brillanter
Redner, als Hoffnungsträger, als erster Schwarzer, oder einfach: als
Demokrat.

      Das war der Grund, warum er in Saint Paul unkonventionelle Wege
gehen musste, der eigenen Partei heftig ins Gewissen redete und die
große Obama-Show der Vorwoche mit nüchternem Ernst beantwortete. Und
das war der Grund, warum er sich zum Entsetzen politischer Freunde
und Feinde für die junge und recht unerfahrene Gouverneurin des
Staates Alaska als Vize-Kandidatin entschieden hat.

      McCains Rede war in fast jeder Hinsicht schwächer als die Rede
Barack Obamas, aber auch schwächer als die Rede von Sarah Palin.
Bezeichnenderweise gab es nur einen Teil der Rede, der alle in Bann
schlug und die Zuschauer fesselte: Wenn John McCain von sich spricht,
von seiner Zeit als Soldat und Kriegsgefangener in Vietnam. McCain,
der unbeugsame Kämpfer, der Patriot, der aus leidvoller Erfahrung
gestählte Quer- und Charakterkopf - das ist das stärkste Argument.
Aber aus Charakter, Ehrgefühl und Pflichtbewusstsein einen
überzeugenden Anspruch auf die Präsidentschaft abzuleiten, das ist
McCain noch nicht gelungen. Man mag McCain, aber das heißt noch
nicht, dass man ihn auch wählt.

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