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WAZ: Die Präsidentschaftskandidatin - Schwan gibt der SPD ihren Stolz zurück - Leitartikel von Angela Gareis

Essen (ots) - Eine Wahl hat Gesine Schwan bereits gewonnen, auch wenn das Amt, das sie erobert hat, nicht existiert. Die charismatische Professorin ist die inoffizielle Präsidentin der SPD.

Einstimmig hat der Vorstand der Partei die Nominierung Schwans für das Amt des Bundespräsidenten beschlossen und alle Bedenken wegen der Popularität von Horst Köhler und der eigenen Glaubwürdigkeit im Umgang mit der Linkspartei einer Wahrheit untergeordnet: Die SPD braucht Schwan. Im Unterschied zur Republik, die keinen neuen Bundespräsidenten benötigte, fehlt der SPD eine Führungspersönlichkeit, die das scheinbar Unmögliche erreicht: einer Partei, die sich in Grund und Boden schämt, ihren Stolz zurückzugeben.

Die einen schämen sich für den Regierungswillen der anderen, die anderen schämen sich für die Oppositionsliebe der einen. Illustriert wird das Ganze durch den noch immer nicht beendeten Machtkampf zwischen Kurt Beck und Franz Müntefering. Und alle zusammen schämen sich für ihr Erscheinungsbild. Wenn Müntefering analysiert, dass die politische Führung des Landes weitgehend vakant sei, und dass die Parteien aus ihren tagespolitischen Graben-kämpfen gerissen werden müssen, dann stimmt das. Uneingeschränkt für die SPD. Deren Vorsitzender agiert wie ein Nachsitzender, der zu lernen versucht, was seine Partei in ihren Gräben rechts und links so alles will. Von Zeit zu Zeit wirft er etwas in den rechten oder linken Graben. Und öfters fliegt eine faule Tomate zurück, weshalb Beck sich einen eigenen Graben in Rheinland-Pfalz geschaufelt hat. Die Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück können nur abwarten, wenn sie den Vorsitzenden nicht weiter beschädigen wollen - und beschädigen dadurch sich selbst.

In diesem trostlosen Zustand war die Partei derart gefangen, dass Befreiung vielleicht nur durch einen neuen Impuls wie Schwans Kandidatur möglich war. Die lebenskluge Intellektuelle hat die Partei mit ihrem selbstbewussten Auftritt am Montag schon aus der Hoffnungslosigkeit befreit. Für die SPD strahlte ein stolzes Gesicht. Überzeugend verkörpert die 65-Jährige eine innere Balance aus Bürgertum und Liberalität, sie verfügt über Integrationskraft, klare gesellschaftspolitische Vorstellungen und vielleicht genügend Energie, um die SPD wieder aufzuladen. Für Beck kann der Weg seiner Partei aus ihrer psychischen Gefangenschaft gefährlich werden, denn die SPD weiß jetzt nicht nur, was sie braucht, sondern auch, was der Vorsitzende ihr nicht geben kann.

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