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WAZ: Der Streit um die Rente - Pensionär Herzogs Weisheiten. Leitartikel von Ulrich Reitz

    Essen (ots) - Wenn schon ein Bundespräsident sagen darf, was er will, dann gilt das umso mehr für einen Altpräsidenten, der politisch nicht mehr verantwortlich gemacht werden kann für seine Thesen. Deshalb hat Roman Herzog gut reden. Dies auch noch aus anderem Grund: Der Bundespräsident ist der einzige Spitzenbeamte in Deutschland, der bis zu seinem Lebensende 100 Prozent der Bezüge aus seiner aktiven Zeit erhält. Redet Herzog über Rentenfragen, ist er jedenfalls selbst nicht betroffen.

      An den wütenden Reaktionen ist Herzog selbst Schuld. Der Satz, es
"könnte am Ende in die Richtung gehen, dass die Älteren die Jüngeren
ausbeuten", ist daneben, weil man getrost unterstellen darf, dass
kaum ein Älterer die Ausbeutung von Jungen plant. Dafür hat der Satz,
"alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht" auf Rentner, seine
Berechtigung. Wenn etwas schief läuft, dann nicht wegen der Rentner,
sondern wegen der Politik.

      Eine "Rentner-Demokratie", in der ausschließlich die Interessen
der Rentner über die Politik bestimmen, setzt eine populistische,
also schwache Politik voraus. Funktionäre wie VdK-Präsident
Hirrlinger werden stets nach mehr Geld rufen. Die Frage ist nur, ob
ihnen die Politik willenlos folgt.

      Ob Wiederbewaffnung, Nachrüstung oder Euro-Einführung:
Wesentliche Weichenstellungen in Deutschland wurden gegen die
Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt. Sinkende Renten aus Beiträgen
sind auch so eine große Entscheidung, die man nur gegen die Rentner
durchsetzen könnte. Das ist die Crux. Aber wer Kinder hat weiß:
20-Jährige glauben nicht mehr daran, dass ihnen eine sinkende Zahl
von Beitragszahlern mehr als eine existenzsichernde Rente aus
Beiträgen finanziert. 20-Jährige wissen, dass sie länger arbeiten und
privat vorsorgen oder mit einer Rente auf Sozialhilfe-Niveau rechnen
müssen. Klüger als Herzog sagt es der Ex-Grüne Metzger: "Rentner sind
keine Raffkes. Sie würden auf ihre Rentenerhöhung verzichten, wenn
die Politiker den Mut hätten, ihnen die Wahrheit zu sagen: Die Zeche
zahlen eure Kinder und Enkelkinder."

      Darum ist auch der Weg fragwürdig, den NRW-Premier Rüttgers
vorschlägt: Weil es nicht funktionieren werde, "dass wenige Menschen
im Arbeitsprozess viele Rentner finanzieren", müsse der Steuerzahler
einspringen. Doch höhere Steuern für die Rente zahlen auch unsere
Kinder und Enkel.

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