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WAZ: Schule muss sich ändern Bildung ist ein Menschenrecht - Leitartikel von Sigrid Krause

    Essen (ots) - Ein schöner Tag: Kinder, die beklommen und gespannt mit ihrer Schultüte los-stiefeln in ein neues Leben. Stolze Eltern, Omas, Onkel, Paten, die die ersten Schritte der Kleinen in die Selbstständigkeit beobachten und sich schwören, den kleinen Menschen in jeder Form zu unterstützen. Auch das gab es wieder: Den Landesvater, der sich auf Augenhöhe der Erstklässler begibt und signalisisert: Ich bin für euch da, wir Großen achten auf euch.

      So ist es gut, und so soll es sein. Jedes Kind in diesem Land
sollte so liebevoll begleitet ins Schulleben starten. Die
Wirklichkeit ist anders: Mehr als 800 000 Mädchen und Jungen im Land
wachsen in Armut auf. Ihre Familien leben vom "Existenzminimum", das
manche Politiker sehr generös finden; tatsächlich würden sie die 208
Euro, die den Sechsjährigen einen Monat lang kleiden und ernähren
müssen, locker am Abend beim Lieblingsitaliener ausgeben.

      Dieser erste Schultag zeigt wieder einmal deutlich, was seit
Jahren im Fokus der weltweiten Kritik steht: Bildung in Deutschland
spaltet. Kinder aus benachteiligten Familien betreten mit dem ersten
Schultag eingefahrene Spuren, die die meisten ins soziale Abseits
führen. Dabei müsste die Schule gerade ihnen den Weg in ein
selbstbestimmtes Leben eröffnen. Rundum in Europa gelingt das längst.
Bei uns setzen die verantwortlichen Politiker weiter stur auf
"Bewährtes" und zementieren durch die frühe Verteilung der Kinder auf
"gute" und andere Schule die soziale Spaltung. Der falsche Weg.

      Auf keines dieser Kinder kann dieses Land verzichten. Trotzdem
ist schon heute absehbar, dass auch 2017 fast jeder fünfte
Jugendliche ohne Schulabschluss, ohne Chance auf eine Ausbildung,
ohne Aussicht auf ein Einkommen die Schule verlassen dürfte. Weil im
Kern alles bleibt, wie es ist. Weil die Regierenden im Land echte
Reformen nicht wollen und nicht wagen. Sechs Kopfnoten auf dem
Zeugnis helfen keinem Kind - sie zählen weder bei der Versetzung noch
werden sie einen Arbeitgeber über die Fünf in Mathe hinwegsehen
lassen.

      Bildung ist ein Menschenrecht und jedes Kind hat Anspruch auf
erfolgreiches Lernen. Gute Bildung darf aber keine Glückssache sein.
Wenn Familien ihrem Kind dies nicht garantieren können (oder wollen),
ist die Schule gefordert. Und der Staat: Er muss Kindern - und ihren
Lehrern - das Umfeld bieten, in dem beide gut gedeihen und
miteinander arbeiten können. Die Politik muss sich endlich
entscheiden - gegen Sparprojekte und für Investitionen in die Köpfe
der Kinder. Die sind die Zukunft.

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