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WirtschaftsWoche/Standpunkt: Staatliche Rationen; von Chefredakteur Stefan Baron

Düsseldorf (ots)

Staatliche Rationen
Globalisierung mag ein wolkiger Begriff sein – aber die Vorgänge,
die er beschreibt, bekommen wir tagtäglich ganz konkret zu spüren.
Globalisierung bietet den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital eine
größere Auswahl an internationalen Standorten und sorgt für mehr
Wettbewerb zwischen den Volkswirtschaften dieser Welt. An unserer
Arbeitslosenstatistik lässt sich ablesen, dass Deutschland bei diesem
Wettbewerb schon seit geraumer Zeit immer schlechter abschneidet.
Investitionsströme gehen an uns vorbei, Arbeitsplätze wandern in
andere Länder aus.
Manches daran ist unvermeidlicher Bestandteil des ständigen
Strukturwandels, das Meiste jedoch eigene Schuld: Wir tun seit langem
schlicht und einfach zu wenig für unsere Zukunft. So haben wir schon
einige Zukunftsbranchen, die viele gut bezahlte Arbeitsplätze (und
entsprechende Steuern zur Finanzierung von Sozialleistungen) gebracht
hätten, mutwillig aus dem Lande vertrieben: zuerst die Atomkraft,
dann die Pharmaindustrie, zuletzt die Gentechnik. Und nun droht eine
weitere große Chance verspielt zu werden.
Die Globalisierung ergreift nicht nur neue Regionen in der Welt,
sondern auch neue Branchen. Auch traditionell staatlich regulierte
Bereiche geraten zunehmend in ihren Sog. Ein Beispiel dafür ist der
Bildungssektor, vor allem der Bereich der Hochschulen. Er wird immer
internationaler und immer mehr von Wettbewerb geprägt. Immer mehr
Schüler und noch mehr Studenten, zumal die talentierten und
finanzkräftigen, sehen sich rund um den Globus danach um, wo sie mit
welchem zeitlichen und finanziellen Aufwand welchen Ertrag erzielen
können. Von Empfängern staatlicher Bildungsrationen werden sie zu
souveränen Nachfragern auf einem weltweiten Bildungsmarkt.
Im Jahre 2003 studierten immerhin schon zwei Millionen von
weltweit insgesamt etwa 100 Millionen Studenten im Ausland. Tendenz:
stark steigend. Vor allem wissbegierige Chinesen fragen zunehmend die
besseren Leistungsangebote anderer Länder nach. Bildung wird zu einer
weltweiten Wachstumsindustrie. Hochschulen rund um den Globus
verdienen heute schon rund 30 Milliarden US-Dollar Studiengebühren
pro Jahr.
Englischsprachige Länder haben mit der lingua franca der globalen
Welt dabei natürlich einen Heimvorteil. Deshalb strömen junge
Chinesen, Koreaner oder Inder zum Studium besonders gerne in die USA,
nach Australien oder Großbritannien, obwohl dort das Studium meist
viel Geld kostet. Die Investition lohnt sich am Ende aber offenbar
mehr als ein gebührenfreies Studium etwa in Deutschland; für das
viele Geld gibt es eben auch eine bessere Ausbildung. So wird der
Markt womöglich unwiderruflich verteilt, geht auch das Wachstum der
Zukunftsbranche Bildung an unserem Land vorbei.
Dabei hätten wir einiges zu bieten. Aus nationalen
Spitzenhochschulen wie Mannheim oder Aachen (siehe Titelgeschichte
Seite 70) ließen sich bei größerer Freiheit auch international
beachtliche Spieler formen. Zumindest in einigen Fächern wie Chemie,
Maschinen- oder Automobilbau – da, wo unsere Industrien noch Spitze
sind – könnten wir auch als Bildungsstandort Spitze sein, Englisch
hin oder her. Deutschlands beste Universitäten könnten, würden sie
endlich in den Markt entlassen, überdies Außenstellen in anderen
Ländern eröffnen, mit Hochschulen im Ausland fusionieren oder sich
mit lokalen Partnern zusammentun, die die Lehre vor Ort übernehmen,
während sie sich auf den Lehrplan, die Qualitätsprüfung und das
Examinieren beschränken. Der Möglichkeiten gibt es viele.
Andere Hochschulen in anderen Ländern machen uns seit Jahren vor,
wie ein profitables Geschäftsmodell in einem globalen Bildungsmarkt
aussehen kann. Andere Regierungen zeigen uns, was De-Regulieren des
Hochschulsektors heißt. Wir dagegen klammern uns derweil an den
zunehmend obsoleten Strukturen des vergangenen Jahrhunderts fest –
bis es zu spät ist und wir eine weitere Zukunftsbranche verloren
haben. Noch dazu die wichtigste von allen.
STEFAN BARON

Kontakt:

WirtschaftsWoche, Sekretariat Chefredaktion, Judith Saxinger-Ussler, Telefon 0211 / 887 –
2112

Original-Content von: WirtschaftsWoche, übermittelt durch news aktuell

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