BERLINER MORGENPOST: Neidisch auf Amerika Raik Hannemann über Lance Armstrong und sein inszeniertes Doping-Geständnis

Berlin (ots) - Lance Armstrong hat in einer Talkshow jahrelangen Dopingbetrug gestanden, berichten amerikanische Medien. Am Donnerstag wird ein Interview mit Starmoderatorin Oprah Winfrey ausgestrahlt, in dem der Radprofi, dem bereits im Oktober alle sieben Siege bei der Tour de France aberkannt worden waren, über die Einnahme leistungssteigernder Mittel seit den 90er-Jahren erzählt.

Nun hat Armstrong noch nie etwas dem Zufall überlassen, deshalb überrascht diese maximale Inszenierung seiner Lebensbeichte auf einer Showbühne nicht. Mit derselben Chuzpe, mit der er Konkurrenten und Dopingfahnder jahrelang an der Nase herumführte, will der 41-Jährige nun auch die Deutungshoheit über seine Fehltritte an sich reißen. Es wird vermutlich mächtig menscheln und auch der Verweis auf die unbestritten pharmaverseuchte Ära im Radsport nicht fehlen, um Armstrongs Tun als Streben nach Chancengleichheit zu begründen. Bevor noch Mitleid aufkommt, sei daran erinnert, dass da im Rampenlicht kein juristischer Suizid stattfindet - sondern Armstrong den Jägern der Gerechtigkeit einfach nicht mehr entkommen kann. Zu evident sind die Vorwürfe gegen den vermeintlich größten Radsportler der Historie am Ende gewesen, minutiös dokumentiert auf gut 1000 Seiten Belastungsmaterial der US-Antidopingagentur. Sie entlarvte Armstrong als Kopf eines quasi-mafiösen Systems und als jemanden, der zeit seiner Karriere auf verbotene leistungssteigernde Mittel und Methoden setzte.

Die Waffen strecken muss Armstrong letztlich ja aber nicht vor dem Sportsystem. Erst staatliche Ermittler brachten den Stein ins Rollen, weil die Angst vor Verurteilung wegen Meineids Helfer und Kollegen zu den ersten Aussagen zwang. Diese Angst, wie einst schon die bei Olympia so erfolgreiche Sprinterin Marion Jones im Gefängnis zu landen, führt wohl nun auch bei Armstrong selbst zur Abkehr vom bisherigen Verhaltensmuster. So hat vermutlich auch ein Ultimatum des Justizministeriums dazu beigetragen, dass Armstrong seine Anwälte beauftragte, bestmögliche Deals auszuhandeln (die ihn womöglich sogar noch zum Kronzeugen für weitere Verfahren werden lassen), bevor er sich an die Vermarktung seines Geständnisses machte. Denn nur so bleibt ihm noch die Möglichkeit einer teilweisen Rehabilitierung auf lange Sicht. Wenn auch nicht als Sports-, so doch als Geschäftsmann und Celebrity. Zudem würde weiterer Schaden von der von ihm mitgegründeten Krebsstiftung abgewendet, bei deren Mitarbeitern er sich vor dem TV-Auftritt schnell noch persönlich entschuldigt hatte. Diesen großen staatlichen Druck gibt es im stets auf Autonomie bedachten Sport noch viel zu selten. Auch in Deutschland übt das derzeit gültige Arzneimittelgesetz nicht genug Druck auf die milliardenschwere Entertainmentbranche Profisport aus. Ganz abgesehen davon, dass sich die Nationale Antidopingagentur wegen ihrer chronischen Finanzierungsschwierigkeiten so ein Prozessrisiko wie im Fall Armstrong niemals leisten könnte.

Nur wenn Armstrongs Auftritt bei Oprah Winfrey dazu führt, dass hierzulande und auch anderswo über eine effektivere Dopingjagd ernsthaft nachgedacht wird, wird das eine gute Sendung.

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