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BERLINER MORGENPOST: Ein kleiner Schritt auf einem langen Weg, Susanne Leinemann über die neue Pisa-Studie, Berliner Reformwut und genervte Eltern

Berlin (ots) - Deutschland ist Mittelmaß, sagt Pisa. Mittelmaß - normalerweise wäre das für Politiker keine frohe Botschaft. Doch gestern, als die neue Pisa-Studie vorgestellt wurde, wirkten sie sichtbar erleichtert - Bildungsministerin Annette Schavan und Ludwig Spaenle, Präsident der Kultusministerkonferenz. "Wir sind dem Ziel ein großes Stück näher gekommen", verkündete Schavan. Was aber ist das Ziel, was sollte es sein? Eine Schule, die Deutschlands Anspruch genügt. Dem Land der Dichter und Denker - und mehr noch der Ingenieure, Forscher und genialen Maschinenbauer. Die Freude der Politik über die jetzt erreichte Mittelmaßposition in der Bildung zeigt nur eines: Wie schlimm die Zustände an Deutschlands Schulen im Jahr 2000 noch waren. Jenes Jahr hatte die erste Pisa-Studie untersucht - kurz danach erfasste die Deutschen der Pisa-Schock. Seitdem ist viel passiert. Gerade in Berlin hat sich die Reformwut ausgetobt. Dudendicke Sprachlerntagebücher in den Kitas, ultrafrühes Einschulen, jahrgangsübergreifendes Lernen, die Abschaffung der Hauptschule und die Einführung der Gemeinschaftsschule. Manches nervte, nicht alles gelang. Manchmal hatten Eltern den Verdacht, ihr Kind werde als Versuchskaninchen auf dem hochideologischen Feld der Berliner Bildungspolitik missbraucht. Davon, wie es vielen Kindern erging, die, gerade fünf Jahre alt, in die Schule gezwungen wurden, obwohl sie viel lieber noch gespielt hätten, ganz zu schweigen. Doch heute ist nicht der Tag zu meckern - einiges hat tatsächlich Wirkung gezeigt, der deutsche Trend deutet leicht nach oben. Immerhin. Das liegt vor allem daran, dass die Gruppe der ganz Schwachen schrumpfte. Hier hat gezieltes Fördern nachgeholfen. Gerade Kinder von Zuwanderern haben ihre Leseleistung verbessert. Trotzdem lesen noch immer viel zu viele 15-Jährige nicht besser als Grundschüler. Die neue große Problemgruppe heißt: die Jungs. Ihre Lesefähigkeit hinkt der gleichaltriger Mädchen klar hinterher. Ein Befund, der Familienministerin Kristina Schröder wenig überraschen wird. Sie hat sich für ihre Amtszeit auf die Fahnen geschrieben, Jungen besser zu fördern. Denn in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern zeigen die Jungs: Blöd sind sie nicht. Hier liegen deutsche Schüler in ihren Leistungen inzwischen über dem internationalen Durchschnitt, auch dank starker Jungen. Die Mädchen schneiden in diesem Bereich nicht so gut ab. Hier gilt es, sie zu unterstützen. Was das alles heißt? Ab jetzt muss breit gefördert werden. Zehn Jahre lang vorrangig Migrantenkinder zu unterstützen war richtig. Doch auch die Kinder aus deutschen Unterschichtfamilien straucheln. Sie alle brauchen Schule - je mehr, desto besser. Ganztagsschulen sind gerade in den Stadtvierteln, wo Familien oft versagen, ein Rettungsanker. Wenn schon die Eltern nie mit ihren Kindern ein Museum, ein Konzert, einen Wald betreten, dann eben eine Lehrerin oder ein Lehrer. Das ist der richtige Weg. Er ist eben nur noch sehr, sehr lang. Was aber am Ende die deutschen Schulen retten wird, ist eine schlichte Tatsache: Wir brauchen endlich wieder gut ausgebildete Arbeitskräfte. Dieses Land kann es sich schlicht nicht mehr leisten, fast ein Viertel jeder neuen Generation versumpfen zu lassen.

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