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BERLINER MORGENPOST: Gorleben - und noch immer kein Ende in Sicht - Leitartikel

Berlin (ots) - Die Schlacht ist geschlagen. Die Tore des Zwischenlagers Gorleben haben sich hinter dem letzten Castor-Behälter geschlossen, Polizisten und Demonstranten sind gleichermaßen ermattet von dannen gezogen. Einen Sieger gibt es nicht. Nur ganz viele offene Fragen. Und der nächste Zug mit Atommüll kommt bestimmt. Kann und will sich dieses Land immer aufs Neue solche bürgerkriegsähnlichen Zustände leisten? Denn der brisante Rest aus den Kernkraftwerken lässt sich ja leider nicht in Luft auflösen. Ist das wirklich eine friedliche Demonstration, wenn "geschottert" wird, wenn Feuerwerkskörper auf Polizisten und deren Fahrzeuge abgeschossen oder Schienen gestürmt werden? Wer wegen Falschparkens zur Kasse gebeten wird, könnte daran zweifeln. Um die 50 Millionen Euro soll der Großeinsatz der Sicherheitskräfte gekostet haben. Warum eigentlich bezahlen noch immer die Steuerbürger die Entsorgung des "Drecks" der Kernkraftwerkseigner? Angesichts deren Milliardengewinnen wird es höchste Zeit, alles auf die Gesetzesschiene zu bringen, auf dass die AKW-Besitzer selbst künftig die Transportrechnung begleichen. Und wo bleibt der kommentierende wissenschaftliche Sachverstand nicht nur während der aufgeheizten Castor-Tage? Es ist für diese Bundesregierung ein weiterer Kommunikations-Gau, wenn Kernkraftgegnern, Agitatoren und Wichtigtuern wie der Autorin Charlotte Roche, die vielleicht etwas von Sexualfantasien versteht, die Argumentationshoheit (vornehmlich in den elektronischen Medien) überlassen wird. Und den Müll einfach nach Russland exportieren, wie es die Bundesregierung offensichtlich vorbereitet hat? So billig darf es sich die schwarz-gelbe Koalition nicht machen. Und eine so riskante Lösung angesichts der Zustände in russischen Lagern darf sie sich erst recht nicht leisten. Doch damit wird der Kern aller Fragen berührt: Wohin mit dem Zeug, das wohl zumindest Hunderttausende Jahre lebensgefährlich strahlt? Ein Endlager muss her. Unabhängig davon, dass diese Regierung die Laufzeit der Atomkraftwerke - wie vor der Wahl angekündigt - verlängert hat. Die Zeit drängt, weil der atomare Müllhaufen immer größer wird. Jahrelang ist Gorleben auf seine Tauglichkeit geprüft worden. Diese Untersuchungen sollten schnellstmöglich abgeschlossen werden, um ein endgültiges Urteil über die Eignung des Salzstocks zur endgültigen Lagerung der atomaren Reste fällen zu können - wissenschaftlich fundiert, frei von Emotionen und Angstmacherei. Eignet sich Gorleben nicht, muss ein neuer potenzieller Standort gesucht werden. Der allerdings würde die bisherigen Schlachten nur an einen anderen Ort verlagern. Das ungelöste, aber irgendwann zu lösende atomare Restmüllproblem wäre damit für die Atomfeinde ja auch kaum befriedigend gelöst. Die Grünen haben bei der Anti-AKW-Demo wieder kräftig mitgemischt. In drei Jahren haben sie eine reelle Chance, wieder Partner in einer Bundesregierung zu sein. Dann müssten sie sich um eine sichere Endlagerung und sichere Transporte zur Zwischenlagerung in Gorleben kümmern. Man darf gespannt sein, was sie dann tun werden. Ihre Proteste vom Wochenende könnten sich noch als lästige Doppelmoral entpuppen.

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