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BERLINER MORGENPOST: Eine harte Lektion für Barack Obama - Leitartikel

Berlin (ots) - Seit den Zeiten des Bürgerkriegs hat die Partei des amerikanischen Präsidenten bei den Zwischenwahlen im Durchschnitt 32 Mandate im Repräsentantenhaus und zwei Senatorensitze verloren. Regieren muss bestraft werden, finden die US-Wähler, die leicht zu entzücken und noch leichter zu erzürnen sind. Nun hat es Barack Obama und seine Demokraten getroffen, und mit mehr als 60 Mandatsverlusten ist die Lektion hart ausgefallen. Die Gründe sind keine Geheimsache: Jobs, Jobs, Jobs belegen die ersten drei Ränge der Klageliste. Die Angst um Arbeitsplätze und vor dem Verlust des Eigenheims, das zur Ikonografie des amerikanischen Traums zählt wie die Freiheitsstatue, überschattet alle Erfolge der Regierung Obama. Laut Umfragen glaubt eine Mehrheit, dass der Präsident ihre Steuern erhöht habe, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Es mag eine ähnliche Klientel sein, die seit seinem Amtsantritt im Januar 2009 zunehmend meint, er sei ein getarnter Muslim. Blinde Wut und Furcht vieler Wähler allein erklärt jedoch noch nicht die Entzauberung Barack Obamas. Ohne Ergebnis rätseln kluge Beobachter seit Monaten, wo der überragende Redner des Wahlkampfs fehlte, dessen Charme und Nachdenklichkeit auch wenig gebildete Wähler für Wandel und Hoffnung begeisterte. Das Regieren in harten Zeiten verstärke Obamas Neigung zum Hochmut, sagen manche. Seine Coolness, lange gefeiert, sei in Wahrheit ein Panzer, den er sich in einer schwierigen, einsamen Jugend zugelegt habe. An diesem Panzer prallten die Sorgen und Nöte einfacher Menschen ab. Dazu gibt es in den USA seit je ein starkes, eigentümliches Ressentiment gegen Bildungseliten, nicht Geldeliten. Jeder ist nach dieser Vorstellung seines materiellen Glücks Schmied, nicht aber seines Geistes Schöpfer. Barack Obama ist nicht nur klug, er lässt es auf bisweilen penetrante Weise wissen, dass er das weiß. Es mangelt nicht an Empfehlungen, wie sich der Präsident zu ändern habe, um eine Chance zur Wiederwahl 2012 zu haben. Warten und beten, dass die Wirtschaft wieder rund läuft und Arbeitsplätze schafft, ist der einfachste Rat. Die Republikaner im Kongress mit Angeboten, die sie nicht ablehnen können, in die Pflicht zu nehmen und, wenn nötig und möglich, bloßzustellen in ihrer Einfallslosigkeit, lautet eine andere strategische Idee. Der gefährlichste, wie wir hoffen, nicht ernst gemeinte, Rat kam von einem pensionierten Kolumnisten: Wie Franklin D. Roosevelt das Not leidende Amerika durch den Kriegseintritt nach Pearl Harbor 1941 aus der Misere holte, möge Barack Obama den Krieg gegen den Iran vorbereiten. Die Republikaner müssten ihm zur Seite stehen, die Kriegswirtschaft würde aufblühen, das Land wäre geeint. Alles wäre gut. Und es wäre eine Katastrophe für den Rest der Welt. Barack Obama wird nicht Amerikas dritten Krieg gegen ein muslimisches Land beginnen. Die Feldzüge in Afghanistan und im Irak spielten zwar im Wahlkampf eine auffällig geringe Rolle. Weder der Präsident noch die Republikaner hatten ein Interesse daran zu betonen, was sie wohl am meisten eint. Auf Butter, nicht Kanonen muss Obama hoffen. Schafft die US-Wirtschaft bald den Aufschwung, wird zum Wahltag 2012 alles verziehen sein. Oder wenigstens vergessen.

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