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Berliner Morgenpost: Alarmsignal für die Wissenschaftsstadt - Leitartikel

    Berlin (ots) - Dieter Lenzen ist weg aus Berlin. Der Noch-Präsident der Freien Universität wechselt an die Spitze der Hamburger Universität. Der Vorgang wirft ein schlechtes Licht auf den Wissenschaftsstandort Berlin. Wenn der führende Wissenschafts-Manager zwei Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit die Stadt verlässt, kann es um ihre Strahlkraft nicht zum Besten stehen. Dass die Hamburger Gremien Lenzen fast einstimmig gewählt haben, untermauert Lenzens Qualität. Sie trauen ihm an der Elbe zu, seine Berliner Erfolge zu wiederholen. Beharrlich und zielstrebig hatte Lenzen die FU von einer schlecht beleumundeten Massen-Uni zu einer Elite-Universität geformt und auf diesem Weg auch die übergroße Mehrheit der Hochschulangehörigen mitgenommen. Obwohl die Hauptstadt zum Mekka all derer werden sollte, die Elite darstellen und Exzellenz anlocken wollen, verliert Berlin mit Lenzen Qualität. Lenzen beherrscht, was Berlin generell fehlt, nämlich Wissenschaft gut zu vermarkten. Um das Profil weiter zu schärfen, hat ja der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) 2006 Jürgen Zöllner in den Senat geholt. Drei Jahre danach ist die Bilanz jedoch zwiespältig. Den Erfolg der FU hat Berlin der Durchsetzungsstärke ihres Präsidenten Lenzen viel stärker zu verdanken als dem Senat. Auch wenn Zöllner gerne erzählt, dass seine bundesweite Reputation als Wissenschaftspolitiker auch geholfen habe. Zöllner hat auch mit durchgesetzt, dass Berlin besonders stark von den Millionen des Bundes für den Aufbau neuer Studienplätze im Hochschulpakt profitiert. Aber auf der Soll-Seite steht ein überaus schleppend angelaufenes Prestigeprojekt Einstein-Stiftung. Seine Eliteorganisation musste Zöllner gegen Widerstand und Skepsis der Unis, vorneweg Lenzen, durchsetzen. Es herrscht ein vergiftetes Klima zwischen Zöllner und den Hochschulen. Ein gemeinsamer Einsatz für die Berliner Wissenschaft sieht anders aus. Die Präsidenten sind unisono entsetzt, wie die Politik mit ihnen umspringt. Als der Senat den Text im ausgehandelten Vertrag über die Hochschulfinanzierung ohne Absprache geändert hat, war das nur die Spitze des Eisbergs. Dass Zöllner unter der Drohung finanzieller Austrocknung ein von allen Hochschulen abgelehntes neues Preismodell für die Finanzierung aufzwang, war auch keine vertrauensbildende Maßnahme und widerspricht dem Gedanken von Hochschulautonomie. Dass der Senat die für Berlins Wirtschaft und Wissenschaft überaus wichtige Universitätsklinik Charité seit Jahren ohne klare Zukunftsperspektive hängen lässt, passt ins Bild. Neben Lenzen fragen sich auch andere Wissenschaftsmanager inzwischen, warum sie sich den Kampf mit Berlins Strukturen, dauerhafter Unterfinanzierung und einer sprunghaften Landespolitik angetan haben. Der Senat und allen voran Senator Zöllner müssen aufpassen, dass ihre Worte von der Wissenschaftsstadt, auf der die wirtschaftliche Zukunft Berlins basiert, nicht Lügen gestraft werden. Der Abschied von Dieter Lenzen ist ein Alarmsignal.

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