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Berliner Morgenpost: Angela Merkels Freiheitsrede - Kommentar

    Berlin (ots) - Es war die erste Ansprache eines deutschen Regierungschefs an das gesamte US-Parlament überhaupt. Konrad Adenauer war 1957 nacheinander vor dem Senat und dem Repräsentantenhaus aufgetreten; auf einer protokollarisch niedrigeren Stufe. Amerika, sagte er in jenen Jahren vor den CDU-Gremien, liebt uns nicht, das hat Hitler ihnen ausgetrieben. Amerika steht aus rein rationalen Gründen zu uns. Das hat sich geändert. Seit 1989 verkörpert Deutschland den Idealfall erfolgreicher US-Politik - gewaltfreie Einführung der Demokratie, Einbindung in das westliche Bündnis, eine Frau an der Spitze der Regierung. Letzteres ist für die USA Zukunftsmusik; viele Amerikanerinnen schauen mit Neid auf Merkel, Berlin und Deutschland. Ohne die US-Invasion in der Normandie freilich, ohne Marshallplan hätte es 1949 eine Volksrepublik Deutschland vom Rhein bis zur Oder gegeben. Dass es anders gekommen ist, dass die Demokratie in Bonn schon 1949 etabliert wurde, war nicht der natürliche Lauf der Dinge. Die USA hätten es Stalin überlassen können, Hitler zu stürzen, um sich auf Japan zu konzentrieren. Sie haben es nicht getan. Sie haben Deutschland mitbefreit. Amerikaner denken noch immer intensiv daran. Der Krieg war auch für sie ein Wendepunkt schlechthin. Sie sind empfänglich für Dank - so, wie sie ihn 1824 dem französischen General Lafayette für dessen Hilfe im Freiheitskrieg abstatteten. Er durfte damals als erster Ausländer eine Rede vor dem Kongress halten. Angela Merkel hat die Chance genutzt. Sie nannte den 9.November ein Datum von Mauerfall und Holocaust. Sie sprach von ihrem "American dream". Sie sprach von den amerikanischen Landschaften, die den Geist von "Freiheit und Unabhängigkeit" atmeten. Auf ihre Unabhängigkeit sind Amerikaner immer noch besonders stolz, und es war gut, dass das anerkannt wurde. Merkel dankte den Luftbrückenpiloten, dem Demokraten John F. Kennedy, und dem Republikaner Ronald Reagan. So etwas wollen die mit Blick auf ihr eigenes Tun und Lassen durchaus selbstkritischen Amerikaner auch einmal hören - froh, etwas richtig gemacht zu haben. Angela Merkel hielt vor dem Kongress eine der am stärksten programmatisch geprägten Reden ihrer bisherigen Amtszeit. Sie sprach von den neuen Mauern, die fallen müssten, sie verknüpfte Klima- und Krisenschutz zu einer geistig-moralischern Einheit. Es klang fast so, als habe sie nun, mit der schwarz-gelben Regierung, doch noch das Konzept einer "geistig-moralischen Wende" formuliert - eine Freiheitspolitik, die frei macht von Klima- und Krisenangst. Eine solche Rede vor dem Bundestag wäre eigentlich bald ebenfalls nötig. Ist Deutschland zu nüchtern dafür? Amerika jedenfalls kann sehr gefühlvoll werden, wenn es will. Solche Reden öffnen dort Türen. Sie sichern politischen Einfluss. Im Kongress kann ein US-Präsident scheitern. Es ist gut für Deutschland, wenn eine Kanzlerin dort einen Erfolg feiert.

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