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Eiskunstlauf-Ikone Katarina Witt: "Olympia-Bewerbung ist eine Mannschaftsleistung"

Frankfurt am Main (ots) - München-Bewerbung war "der größte Stress meines Lebens" / Paralympics in Deutschland als Chance für barrierefreies Leben / Im Sport gelernte Hartnäckigkeit ist Fluch und Segen zugleich

Vor 30 Jahren verteidigte Katarina Witt am 9. März in Tokio zum ersten Mal ihren WM-Titel im Eiskunstlauf. Im Sporthilfe-Interview äußert sich die Doppel-Olympiasiegerin und Mitglied der "Hall of Fame des deutschen Sports" über die deutsche Bewerberstadt für die Olympischen Sommerspiele 2024 und die am 23. März beginnende Eiskunstlauf-WM in Shanghai.

Sie waren Vorsitzende und Gesicht der Bewerbung für die Winterspiele 2018 in München. Nun entscheidet der DOSB über den deutschen Bewerber für Sommerspiele 2024. Sie leben in Berlin. Hand aufs Herz, wofür schlägt es in punkto Olympia 2024?

Ich habe mich da vergangene Woche bereits etwas weit aus dem Fenster gelehnt, als ich sagte, Hamburg hätte wegen der Begeisterung die Nase etwas vorn und profitiere von seiner Wirtschaftskraft, aber Berlin sei die coole Weltstadt. Ich finde grundsätzlich diese ganze Diskussion "Hamburg oder Berlin" sehr wichtig. Sie bringt viel mehr in Gang, als das bei der Bewerbung für 2018 in Bayern der Fall gewesen ist. Klar, ich lebe in Berlin, und es wäre toll, hier Spiele zu haben, doch am Ende werden es nationale Spiele sein. Wir als Deutschland bewerben uns, und egal wofür sich der DOSB entscheidet, am Ende wird ganz Deutschland die Olympiastadt unterstützen, auch die Stadt, die erst mal den Kürzeren zieht.

Nach der Entscheidung für eine Bewerberstadt soll es dort im Herbst einen Bürgerentscheid geben. Aus Ihren Erfahrungen der München-Kampagne: Was können die Verantwortlichen tun, damit noch mehr Olympiabegeisterung aufkeimt, der "Funke überspringt", wie überzeugt man die Gegner?

Wichtig ist der Dialog, aber er muss von beiden Seiten vernünftig geführt werden. In Berlin gab es Diskussionsrunden, da konnte man sich aber mit den Gegnern nicht vernünftig auseinandersetzen. Heutzutage muss die Bevölkerung eingebunden werden, doch ob gleich eine Bürgerbefragung notwendig ist, das frage ich mich. 2006 haben wir gezeigt, dass wir unglaublich erfolgreiche Sportfeste feiern können. Allerdings ist es schon ein wenig absurd, dass für eine Weltmeisterschaft im Fußball keine Umfrage nötig ist, aber für Olympische Spiele. Sicher, es nutzt nicht, viele Menschen als Gegner zu haben, aber wenn eine Minderheit eine größere Aufmerksamkeit und Durchsetzungskraft bekommt, ist das bedauerlich.

Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein mit Ines Geipel meint, Deutschland solle keine Olympischen Spiele austragen, solange es nicht bereit sei, die Doping-Vergangenheit weiter aufzuklären. Können Sie diese Sicht verstehen?

Ohne Zweifel ist dies ein weiterhin ernst zu nehmendes Thema und ich gehe mal davon aus, dass die Bemühungen der Aufarbeitung nicht nachlassen. Sicher gibt es immer auch Nachbesserungsmöglichkeiten. Aber diese Argumentation wirkt wie eine Erpressung und ist ein wenig kindisch: So wie "wenn Du Dein Gemüse nicht isst, gibt es auch kein Dessert." Ich finde es nicht fair, gerade gegenüber 18-jährigen Sportlerinnen und Sportlern, die auf Olympia hoffen. Was haben diese jungen Talente mit der Generation der 80er oder 70er Jahre zu tun? Das eine tun und das andere nicht lassen, ist doch viel besser.

Hätten Sie Lust, die Olympiabewerbung ein weiteres Mal zu begleiten, Ihre Erfahrungen einzubringen?

Rückblickend war die München-Bewerbung eine ganz wunderbare Erfahrung für mich. Einerseits in der kürzesten Zeit der größte Stress, den ich jemals erlebt habe, diese anderthalb Jahre. Andererseits ein einmaliges Erlebnis, so tief in die Sportpolitik, in das Thema Olympia einzusteigen. Es wird nötig sein, ganz viele Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten einzubinden und die Begeisterung eines ganzen Landes zu wecken. Am Ende ist so eine Bewerbung eine Mannschaftsleistung. Eine Fußballelf wird nicht genügen, es benötigt eine Nationalmannschaft von 80 Millionen. Dem Dirigenten dieses Teams wünsche ich jetzt schon viel Spaß (lacht).

Mit Ihrer Stiftung unterstützen Sie körperlich behinderte Kinder. Wie sehen Sie die Rolle des Behindertensports bei der Bewerbung? Was könnten Paralympische Spiele "daheim" bewirken?

Kommen Paralympische Spiele in ein Land oder eine Stadt, hilft das allem, was im Leben barrierefrei sein sollte. In Deutschland sind wir da schon ziemlich fortgeschritten, trotzdem fehlen nach wie vor für Menschen mit körperlicher Behinderung viele Anbindungen im öffentlichen Bereich. Zum Glück stoßen die Paralympics auch im Fernsehen, von Spielen zu Spielen, auf immer mehr Begeisterung. Viele Menschen bewundern dabei die Leistungen und lernen, behinderten Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen im täglichen Leben mit Normalität zu begegnen, nicht mit Mitleid.

In Shanghai steht die Eiskunstlauf-WM an. Sie sind viermalige Weltmeisterin, wie genau erinnern Sie sich noch an die WM vor 30 Jahren 1985 in Tokio? Wissen Sie noch, zu welcher Musik Sie gelaufen sind?

Ich musste erstmals meinen Titel verteidigen und lernte meine Lektion, dass Verteidigung immer herausfordernder ist, als die Eroberung. Zur Kurzkür bin ich die Malaguena gelaufen, etwas Spanisches, da habe ich sozusagen schon mal die Spanierin in mir getestet, bevor ich drei Jahre später als Carmen zum Olympiasieg laufen durfte. Und in der Kür habe ich wohl meine Musik, die Mona Lisa vom Olympiasieg 1984 beibehalten.

Inwiefern unterscheidet sich der Eiskunstlauf von 1985 von dem von 2015?

Zum Eiskunstlauf gehören immer das Künstlerische und die Emotion, da hat sich nichts geändert. Davon lassen sich die Menschen heute noch genauso wie vor 30 Jahren berühren. Im technischen Bereich und in der Fertigkeit des Schlittschuhlaufs hat sich extrem viel verändert. Der Schwierigkeitsgrad ist in allen Bereichen höher, ob bei den Pirouetten, die variabler geworden sind, oder den Sprungkombinationen. Ebenso die Schrittkombinationen sind raffinierter. Es ist aber auch alles etwas atemloser geworden. Manchmal denke ich, für Emotion ist keine Zeit mehr da. Nach dem Rausch der Höchstschwierigkeiten ist der Zuschauer am Ende genauso erschöpft wie der Läufer selbst. Früher 20 Sekunden posen und mit dem Publikum flirten - daran erinnern sich die Leute manchmal mehr als an vier verschiedene Vierfachsprünge, aber dafür gibt´s nicht mal mehr Blech.

Ihre Einschätzung zum deutschen WM-Team ohne das Paarlauf-Duo Savchenko/Szolkowy?

Da dürfen wir keine Medaillenerwartungen haben, nachdem Aljona und Robin getrennte Wege gegangen sind. Auch zuletzt hatten wir weder im Eistanz noch bei Damen und Herren großartige Chancen, vorne mitzumischen. Wir haben in Deutschland über Jahre hinweg den Anschluss an die Weltspitze nicht geschafft. Das hängt sicher an vielen Dingen. Beispielsweise findet die Sportart kaum im Fernsehen statt, so fehlen dem Nachwuchs die Idole, der typische Kreislauf. Deswegen unterstütze ich derzeit die märchenhafte Show "Disney On Ice". Das ist Unterhaltung für Kinder und wenn sie dadurch sagen, ich würde gern eine Eisprinzessin oder ein Eisprinz werden, ist dies zumindest mal ein erstes Interesse. Vielleicht werden dann auch Märchen wahr und eine neue Eiskönigin erobert das Siegertreppchen.

Neben Titeln und Ehrungen wie die Goldene Sportpyramide oder die Aufnahme in die "Hall of Fame des deutschen Sports" - was haben Sie Ihrer Sportkarriere noch zu verdanken?

Eigentlich alles. Sie ist der Grundstein für all jenes, was ich jetzt mache. Der Leistungssport ist eine unglaubliche Schule, ob für Disziplin, Zielstrebigkeit, das Nicht-Aufgeben. All das nimmt man mit ins berufliche Leben. Mit Rückschlägen komme ich besser zurecht, weil ich sie aus dem täglichen Training kenne. Man nimmt Kritik vielleicht nicht ganz so persönlich wie andere. Man widmet sich mit genauso viel Disziplin anderen Projekten und kann seine Konzentration kanalisieren. Diese Hartnäckigkeit ist übrigens manchmal wie ein Fluch, man hat einfach nicht gelernt, locker zu lassen. Ich bin privat so, beruflich genauso, man strebt immer nach dem Besten. Doch Olympia war gestern, ich könnte ja vielleicht endlich mal ein bisschen lockerer werden!

Zur Person:

Katarina Witt (*3. Dezember 1965 in Staaken)

Katarina Witt ist neben Sonja Henie die erfolgreichste Eiskunstläuferin in der Geschichte. Im Jahr 2010 erhielt sie die Goldene Sportpyramide und wurde in die "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen. Neben den beiden Olympiasiegen 1984 in Sarajevo und 1988 in Calgary ist sie viermal Weltmeisterin und zweimal WM-Zweite. Zwischen 1983 und 1988 gewann sie sechsmal in Folge die Europameisterschaft. Ende 1988 startete der Weltstar eine Profikarriere, drehte fortan preisgekrönte Filme und war mit allen großen Tourneen der Welt unterwegs. 1994 nahm Katarina Witt in Lillehammer noch einmal als Amateurin an Olympischen Spielen teil und wurde Siebte. Erst im März 2008 beendete sie ihre sportliche Karriere auf dem Eis mit einer Abschiedstournee. Das US-amerikanische Time-Magazin betitelte sie einst als "schönstes Gesicht des Sozialismus". 2005 gründete sie die Katarina-Witt-Stiftung. Katarina Witt war Vorsitzende des Kuratoriums für die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018. Das IOC vergab die Spiele in 2011 jedoch an Pyeongchang in Südkorea.

Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.

Abdruck honorarfrei.

Quelle: Deutsche Sporthilfe

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