Stuttgarter Zeitung: Kommentar zur politischen Krise in Tunesien

Stuttgart (ots) - Nun soll er Tunesien aus der Krise führen. Dabei ist der neue Regierungschef Ali Larayedh kaum mehr als ein härterer Widergänger des zurückgetretenen Hammadi Jebali. Beide haben im Gefängnis Unsagbares erduldet und sahen sich nach dem Sturz von Diktator Ben Ali plötzlich an die Spitze des Staates katapultiert - der eine als Innenminister, der andere als erster demokratischer Premier. Solche Karrieren faszinieren, vermitteln ein Gefühl von Genugtuung, ja historischer Gerechtigkeit. Aber sie bringen nicht automatisch gute Politiker hervor.

Und je länger die Wirtschaftsmisere und die innere Zerrüttung in Tunesien andauern, je gewalttätiger sich Islamisten und Säkulare ineinander verkeilen, desto fragwürdiger werden diese postrevolutionären Auswahlkriterien für staatliche Spitzenämter. Ausgelöst durch den Mord an dem linken Volkstribun Chokri Belaïd ist Tunesien nun auf die gleiche schiefe Bahn geraten wie Ägypten unter Mohammed Mursi. Plötzlich setzt auch der aufgeklärte Ennahdha-Chef Raschid Ghannouchi auf islamistische Linientreue und ideologische Profilschärfe. Tunesien wird das nicht gut bekommen. Und bei der Bevölkerung wird sich das Gefühl verstärken, dass man zwar eine Revolution gemacht, aber lediglich einen fundamentalen Machtwechsel bekommen hat.

Pressekontakt:

Stuttgarter Zeitung
Redaktionelle Koordination
Telefon: 0711 7205-1225
newsroom.stuttgarterzeitung@stz.zgs.de