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Hinz und Kunz/ taz-Kommentar von Anja Maier über die gefälschte Biografie einer SPD-Politikerin

Berlin (ots) - Das Leben von Petra Hinz muss sehr einsam gewesen sein. Drei Jahrzehnte Lüge und Betrug. Und ständig diese Panikmomente: Erkennt mich der Mann da drüben? Weiß diese Journalistin, was ich 1987 gemacht habe? Und dann dieses Schweigenmüssen. Immer und jedem gegenüber.​

Der Fall der SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Hinz, die ihren Lebenslauf brutal geschönt hat, taugt nicht zur Häme. Eher zum Nachdenken. Ja, die Essenerin hat gelogen: Fachabi statt Abitur, Ausbildung statt Jurastudium, Lücken im Lebenslauf statt anwaltlicher Tätigkeit.​

Ein Desaster, aus dem die 54-Jährige nun Konsequenzen zieht und ihr Bundestagsmandat niederlegt. Das eigentlich Tragische ist aber die Vorstellung von jenem Leben, das Petra Hinz geführt haben muss. Öffentlich als Abgeordnete im Bundestag und im Wahlkreis. Privat als Freundin und Verwandte. Dreißig Jahre lügen - wie geht das in einer Partei wie der SPD, die doch immer das Menschliche für sich reklamiert? Kann man bei den Sozis zehn Jahre Fraktionsmitglied sein, ohne je Persönliches erkennen zu lassen? Wie funktioniert die Lüge bei Familienfeiern? Hat man da Mitwisser? Wie ist das in Partnerschaften?​

Mag sein, Petra Hinz war nicht die planvolle Karrieristin, als die sie jetzt im schnellen Affekt dargestellt wird. Mag sein, sie wurde gefördert, geschoben, gebraucht. Als erfahrene Genossin (die sie war), als Juristin (die sie nicht war). Dass ein Mensch innerhalb seiner Gruppe an der Wahrheit ersticken kann, zeigt aber vor allem, wie überbewertet Examina und Titel sind für eine politische Karriere. Selbst bei den Sozialdemokraten, die gern ihre proletarischen Wurzeln betonen, scheint es ohne Abitur schwierig zu sein mit der Parteikarriere. Warum eigentlich?​

Als Politikerin muss einem Petra Hinz nicht leidtun. Wohl aber als Privatperson. Ihre Geschichte offenbart die persönliche Katastrophe in einer Gesellschaft, in der zu lügen einen eher weiterbringt, als offen zu Ecken und Kanten zu stehen. Einer Arbeitswelt, die auf Fassaden vertraut. Hier im Lebenslauf eine längst vergessene Fremdsprache als fließend angeben, dort ein als Auslandserfahrung deklarierter Urlaub - Hinz und Kunz machen derlei auch. Weil es nützt und gerade gut ins Stellenprofil passt. Und, vor allem, weil kaum jemand Interesse hat am Leben, wie es wirklich spielt.​

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