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Weser-Kurier: Kommentar von Hans-Ulrich Brandt über Merkel und Tsipras

Bremen (ots) - Kehrt jetzt die Sachlichkeit in die Gespräche zwischen Athen und Berlin zurück? Wird statt übereinander herzufallen endlich wieder miteinander geredet? Der Auftakt des Treffens zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem griechischen Regierungschef Alexis Tsipras jedenfalls verlief vorsichtig hoffnungsvoll. Auch wenn die gemeinsame Pressekonferenz im Berliner Kanzleramt schnell klarmachte, wie tief der Graben zwischen beiden Ländern ist: Sowohl Merkel als auch Tsipras waren sichtlich bemüht, kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen und stattdessen auf gegenseitiges Verständnis, auf Signale der Annäherung zu setzen. Dieser Weg wird viel Zeit brauchen, aber er ist, um ein gerne verwendetes Wort der Kanzlerin zu verwenden, alternativlos. Von "harter Arbeit" spricht Tsipras, von "schwierigen Fragen" Merkel. Beide wissen, dass nach dem Haudrauf der vergangenen Monate und den zwischen Berlin und Athen wüst hin und her geschobenen gegenseitigen Schuldzuweisungen und Beschimpfungen viel Vertrauen zerstört worden ist. Der Anfang zu einem Kurswechsel im deutsch-griechischen Verhältnis könnte bei diesem Antrittsbesuch also gemacht worden sein. Nun kommt es darauf an, dass beide Seiten entsprechend in die Zukunft investieren. Tsipras muss der Bundeskanzlerin seine gerade erst angekündigten Reformmaßnahmen erklären und sie von der Ernsthaftigkeit seiner Absichten überzeugen. Gelingt ihm das, kann Merkel bei den Institutionen in Brüssel ihr politisches Gewicht einsetzen - für Athen durchaus hilfreich. Aber auch Berlin muss Signale setzen und scheint dies auch zu tun. So gibt es Hinweise, dass die "Schatten der Vergangenheit", von denen Tsipras gegenüber Merkel erneut sprach, nicht einfach mit dem Hinweis abgetan werden, das Kapitel Wiedergutmachung für Nazi-Unrecht sei abgeschlossen. Eine Brücke hat Tsipras bereits gebaut, indem er davon spricht, hier gehe es in erster Linie nicht um Geld, sondern um Ethik. Eines haben die ersten Stunden dieses schwierigen Besuchs jedenfalls gezeigt: Merkel und Tsipras reden offen, aber sachlich. Keine schlechten Voraussetzungen, um die Zeit der offenen Feindschaft hinter sich zu lassen.

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