Weser-Kurier

Weser-Kurier: Der "Weser-Kurier" (Bremen) kommentiert in seiner Ausgabe vom 27. Juli 2010 die Veröffentlichung geheimer Afghanistan-Dokumente durch die Internet-Plattform Wikileaks:

Bremen (ots) - Ziel verfehlt

von Joerg Helge Wagner Hört, hört! In Afghanistan herrscht ein schmutziger Guerillakrieg: viele zivile Opfer, militärische Fehlschläge der Alliierten, zum Teil versagende Präzisionswaffen. Der pakistanische Geheimdienst ISI spielt eine höchst dubiose Rolle; und die Deutschen haben sich zunächst mit etwas naiven Vorstellungen an diesem Konflikt beteiligt. Die Amis hingegen haben Spezialeinheiten, die gezielt Taliban-Kommandeure ausschalten sollen - nun ja, das ist nun einmal die Hauptaufgabe von Spezialeinheiten im Krieg. Deshalb werden deren Aktionen auch möglichst geheim gehalten und nicht vorab in den Abendnachrichten bekanntgegeben. Wer die Entwicklung am Hindukusch in den vergangenen Jahren halbwegs aufmerksam verfolgt hat, kann den "Enthüllungen" des Internet-Portals Wikileaks nichts substanziell Neues entnehmen. Politiker und militärische Führung haben zudem vor mindestens einem Jahr auf die Berichte der Frontsoldaten reagiert. Der von Oberbefehlshaber McChrystal eingeleitete und von seinem Nachfolger Petraeus fortgesetzte Strategiewechsel beruht ebenso darauf wie Präsident Obamas Politik, zunächst die Truppen massiv zu verstärken, um sie nach entsprechenden militärischen Erfolgen umso schneller abziehen zu können. Was also bezweckt Wikileaks mit der zumindest in ihrer Dimension beispiellosen Indiskretion? Wird hier ein sorgsam vertuschtes Kriegsverbrechen aufgedeckt, wie bei dem berühmt-berüchtigten Helikopter-Video aus Bagdad? Nein. Werden bislang unbekannte Missstände enthüllt? Nein. Bekommt "die Öffentlichkeit" nun ein klareres Bild? Auch das muss man angesichts von 92.000 Einzeldokumenten, die zum Teil auf zweifelhaften Informationen beruhen, verneinen. Wird nun gar der Krieg in Afghanistan verkürzt oder zumindest weniger brutal geführt werden? Wahrscheinlicher ist, dass die Taliban das Ganze - nicht zu Unrecht - als Propaganda-Triumph feiern und beflügelt ihren Terror verschärfen werden. Klar, Demokratie braucht neben Gewaltenteilung auch die Beobachtung und Kontrolle der Institutionen durch freie Medien - und engagierter Journalismus lebt nicht zuletzt von Indiskretionen, die Enthüllungen erst ermöglichen. Dazu gehören auch geheime Dokumente, die nicht geheim bleiben. Das entbindet die Medien aber nicht von der Pflicht, Zweck und Nutzen der Veröffentlichung selbstkritisch zu hinterfragen und auch mögliche Risiken für Dritte abzuwägen. Bei Wikileaks sind da Zweifel angebracht. Das "Spiegel"-Interview mit dem Gründer und Hacker Julian Assange offenbart vielmehr jene selbstgerechte Überheblichkeit, die vielen Polit-Aktivisten eigen ist, die sich das Mandat für ihr Wirken höchstselbst verliehen haben: Ihre persönliche Betroffenheit ist unantastbar, die gewählten Politiker hingegen stehen allesamt unter Generalverdacht, zynisch, leichtfertig und verlogen zu sein. Diese Haltung ist jedoch eher ein Misstrauensantrag gegen das demokratische System als ein Beitrag zu dessen Erhalt. Assange will "die Männer, die Krieg führen, stoppen". Das ist schon deshalb utopisch, weil sich seine Bemühungen nur gegen eine Seite richten. US-Präsident Obama führt Krieg, will ihn aber so schnell wie möglich beenden. Das kann er jedoch nur aus einer möglichst starken Position heraus. Das Breittreten von 92.000 Geheimdokumenten ist jedoch eine eklatante Schwächung des Hoffnungsträgers. Nein, der Wikileaks-Scoop hat die Welt weder besser noch sicherer oder friedlicher gemacht. joerg-helge.wagner@weser-kurier.de

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