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Weser-Kurier: Ehemaliger V-Mann ließ Bordellbesuche von Polizisten und Staatsanwälten auffliegen - hängten Behörden ihm deshalb einen Prozess an? Interne Polizeidokumente erhärten Verdacht

Bremen (ots) - Ein ehemaliger V-Mann der Polizei erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizeidirektion und die Staatsanwaltschaft Hannover. Weil er Informationen lieferte, die in den Behörden unerwünscht waren, habe man ihm eine Anklage wegen Vergewaltigung, Menschenhandels und Zuhälterei angehängt. Dem WESER-KURIER (Bremen) liegen jetzt Unterlagen vor, die Kirchners Verdacht erhärten. Darin erheben Polizeibeamte ganz ähnliche Vorwürfe gegen die Anklagebehörde. Der Spitzel, so berichtet der Weser-Kurier in seiner Sonntagsausgabe, der bei den Behörden den Decknamen G06 hatte, war vornehmlich im Rotlichtmilieu unterwegs. Wegen seiner guten Kontakte setzte ihn die Polizeidirektion Hannover im Jahr 2000 auf die Kiezgröße Frank Hanebuth und dessen Rockerbande "Hell's Angels" an. Im Milieu galt der V-Mann als Zuhälter, der angeblich an Bordellen in Nordrhein-Westfalen beteiligt und seit Jahren im Geschäft war. Er spielte seine Rolle gut: Während seines Einsatzes für die Polizeidirektion Hannover sagten die Behörden ihm in zwölf Verfahren Vertraulichkeit zu, nach Expertenmeinung ist das eine ungewöhnlich hohe Zahl. Mit 30 Monaten war der Spitzel zudem überdurchschnittlich lange aktiv, mehr als 35000 Euro ließ sich das Land Niedersachsen seine Arbeit allein an Spesen kosten. G06 arbeitete vielleicht zu gut. Er lieferte nicht nur Tipps über Machenschaften im Milieu, sondern auch über Milieukontakte angesehener Bürger. Anfang 2002 informierte er die Polizei über die Verfehlungen eines Kollegen: Ein Kriminaloberkommissar verkehrte regelmäßig in einem illegalen Bordell im Kreis Schaumburg, er lud Prostituierte in seine Dienststelle ein und plauderte Polizeiinterna aus. Bereits Ende 2000 gab Kirchner auch Hinweise auf die Sex-Partys von Vorstands- und Betriebsratsmitgliedern des Volkswagen-Konzerns. Doch damals begnügte sich die Polizei offenbar damit, diese Informationen als "Gerüchte" an VW weiter zu geben. Die Affäre flog bekanntlich erst Mitte 2005 auf. Und es waren auch Hinweise von G06, die die Polizei im Jahr 2000 in ein Hannoveraner Wohnungsbordell führten. In dem Etablissement gingen Staatsanwälte aus der Landeshauptstadt ein und aus - angeblich ebenfalls, um gegen Hanebuth und seine Rockerbande zu ermitteln. Diese Hinweise seien ihm zum Verhängnis geworden, sagt Kirchner. Um ihn loszuwerden, habe die Staatsanwaltschaft ihm schließlich ein Verfahren wegen Vergewaltigung, Menschenhandels und Zuhälterei angehängt. Die Polizeidirektion Hannover ließ ihren V-Mann daraufhin im März 2003 fallen. Seither ist Kirchner im Zeugenschutzprogramm und hat eine neue Identität. Mitte 2005 sprach ihn das Landgericht Hannover von den Vorwürfen frei.

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