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Börsen-Zeitung: Black Box Weißes Haus, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots)

Am Mittwoch war es so weit: Die Händler im Handelssaal der New Yorker Börse durften endlich ihre schon Wochen zuvor hergestellten Kappen mit dem Aufdruck "Dow 20.000" aufsetzen. Es dauerte auch nicht lange, bis das historische Ereignis mit einem Tweet aus dem Weißen Haus kommentiert wurde: "Great!" Donald Trump wird es gewiss nicht an dem notwendigen Selbstbewusstsein fehlen, die Überwindung der magischen Indexmarke seinem eigenen Wirken zuzuschreiben, und es wäre ihm auch überhaupt nicht zu widersprechen. Noch nie hat ein neu gewählter Staatslenker die globalen Finanzmärkte assetübergreifend derart beeinflusst bzw. in Wallung versetzt, wie dies dem neuen US-Präsidenten gelungen ist.

Zuletzt haben die Aktienmärkte wieder einen Gang zurückgeschaltet. Ob dies nun eine Stimmungsabkühlung ist, zu der die per Twitter kommunizierte Ausladung des mexikanischen Präsidenten Peña Nieto oder das von Trump gepriesene Waterboarding beigetragen haben, ein ganz normales Marktverschnaufen oder eine Kombination aus beidem, wird sich wohl kaum ermitteln lassen. Fakt ist aber, dass das Weiße Haus für die Marktteilnehmer durch die völlige Unberechenbarkeit Trumps zu einer Black Box mutiert ist. Für die Investoren heißt das, dass in den kommenden Wochen und Monaten an den Aktienmärkten alles möglich ist, eine anhaltende Hausse oder auch eine Korrektur.

Das Gewirr aus potenziell positiven Impulsen, die derzeit im Vordergrund stehen und am Markt gespielt werden, und nicht unerheblichen Risiken macht offensive Positionierungsentscheidungen zu einem Glücksspiel. Alles auf die Reflation und damit Rotation raus etwa aus Anleihen in Aktien und aus Wachstums- in Substanzaktien zu setzen oder aber ausgeprägt defensiv vorzugehen wäre wie eine Entscheidung zwischen Rot oder Schwarz am Roulette-Tisch. Nur eine Wette scheint eine gewisse "Sicherheit" zu haben: Die derzeit sehr niedrige Volatilität wird nicht lange erhalten bleiben.

Die kaum berechenbare Lage spiegelt sich in den Ausblicken von Analysten, Strategen und Investoren deutlich wider. An den Folgen von Trump für die Aktienmärkte und deren Aussichten scheiden sich die Geister, es sind enthusiastische ebenso wie ausgeprägt skeptische Ausblicke zu finden.

Zur "bullishen" Schule zählt etwa Fondsmanager Till Budelmann, der den Berenberg Systematic Approach - US-Stockpicker Fund verwaltet. Seiner Meinung nach sind die hohen KGV-Bewertungen am US-Aktienmarkt nicht besorgniserregend. Neben fehlenden Anlagealternativen aufgrund des Niedrigzinsumfelds begründet er dies mit den Unternehmensgewinnen, die seiner Einschätzung nach von einem von Trump befeuerten Wachstumsschub profitieren werden. "Jetzt beginnt der Übergang vom zinsgetriebenen Bullenmarkt zu einem von Unternehmensgewinnen getriebenen Bullenmarkt", so Budelmann, der mit einem Anstieg der US-Gewinne je Aktie in diesem Jahr um 8% bis 10% rechnet. Auch spricht nach seiner Einschätzung die Stimmungslage für US-Aktien. Seit der US-Wahl habe sich die Anlegerstimmung verbessert. Von Hochstimmung könne aber keine Rede sein. "Wir sind noch lange nicht in der letzten Phase eines Bullenmarkts, in der die Stimmung in Euphorie umschlägt und der Markt oft nach oben überschießt."

Ganz anders beurteilt z.B. MFS die Aussichten. Der US-Assetmanager hält die Bewertungen für problematisch und glaubt nicht an deutlich steigende Gewinne. Durch die jüngsten Kursgewinne seien die hoch bewerteten US-Aktien noch teurer geworden. Um die aktuellen Kurse zu rechtfertigen, müssten die Unternehmensgewinne daher kurzfristig deutlich steigen. Das scheine angesichts der starken Dollar-Aufwertung, der höheren Zinsen und der höheren Energiepreise aber unwahrscheinlich. Die Marktteilnehmer hätten vor allem die positiven Aspekte von Trumps recht allgemein gehaltenen Vorschlägen registriert - wie Steuersenkungen und Deregulierung. Die möglichen Probleme durch andere Ideen - wie eine massive Einschränkung der Einwanderung und des Welthandels - seien ignoriert worden. Enttäuschungen seien programmiert.

Auch teilt er nicht die Auffassung, dass die Stimmungslage unproblematisch sei. Die Investoren seien viel optimistischer geworden. Dies schlage sich in Indikatoren wie dem Index der American Association of Individual Investors und dem Consensus Bullish Sentiment Index nieder. Weil ein ausgeprägter Optimismus der Investoren oft ein Kontraindikator sei, müsse man diese Art von Euphorie genau im Blick behalten. (Börsen-Zeitung, 28.1.2017)

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