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Börsen-Zeitung: Aus der Kurve geflogen, Kommentar zu Samsung von Martin Fritz

Frankfurt (ots) - Schnelligkeit zählt zu den größten Stärken von Samsung Electronics. Zusammen mit unbändigem Ehrgeiz und übermenschlichem Arbeitseifer gelang den Südkoreanern so der Aufstieg zum Weltmarktführer bei Mobiltelefonen, Speicherchips und Flachbild-Fernsehern. Aber wegen dieser Schnelligkeit ist Samsung nun beim Galaxy Note 7 aus der Kurve geflogen.

Nach den bisher vorliegenden Informationen zog das Top-Management den Verkaufsstart des Flaggschiff-Modells kurzfristig vor, um sich im Wettbewerb mit Apple einen kleinen Vorteil zu verschaffen, obwohl das Gerät technisch äußerst anspruchsvoll ist. Das war der erste Fehler. Den Ingenieuren blieb nicht mehr genug Zeit zum Testen. Auch dass der Akku nicht perfekt in das Gehäuse passte, ließ sich nicht mehr korrigieren.

Als die ersten Note 7 beim Laden in Brand gerieten, schob man das Problem schon bald dem Zulieferer der Lithium-Akkus in die Schuhe, startete einen Rückruf und tauschte in den Ersatzgeräten nur den Akku aus. Das war der zweite Fehler. Denn wenn einige Note 7 auch mit verändertem Akku in Flammen aufgehen, deutet dies auf einen anderen technischen Fehler hin. Unter diesen Umständen blieb Samsung keine andere Wahl, als die Produktion "vorläufig anzupassen". Mit dieser vagen Formulierung will man sich alle Optionen offenhalten.

Aus Sicht der Aktionäre und der Kunden wäre ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende. Das heißt: Samsung sollte auch die ausgetauschten Galaxy Note 7 zurückrufen und die Produktion des Modells aufgeben. Die Kosten für das Desaster könnte man im vergangenen Quartal komplett abschreiben. Anschließend sollte Samsung einen Neustart der selbst kreierten Geräteklasse der Phablets wagen - mit überraschender Technik, verblüffendem Design und womöglich einem neuen Namen. 2017 gilt ohnehin als das Jahr, in dem die Hersteller einen großen Modellwechsel ihrer mobilen Geräte vollziehen werden.

Auch ein zweiter Befreiungsschlag täte not. Samsung sollte den Generationswechsel an der Spitze zu Gründerenkel Lee Jae-yong endlich offiziell machen und zugleich die Struktur des Konglomerats vereinfachen. Der US-Investor Elliott hat dazu bereits einige brauchbare Ideen geliefert. Aktionäre, Manager und Mitarbeiter wollen Klarheit darüber, unter welchem Kapitän und in welche Richtung der Samsung-Tanker weiterfährt. Denn die selbstproduzierte Krise mit dem missratenen Galaxy Note 7 ist auch Ausdruck der aktuellen Führungsschwäche von Südkoreas größtem Unternehmen.

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