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Börsen-Zeitung: In die Offensive, Kommentar zum Linde-Konzern von Joachim Herr

Frankfurt (ots) - Die defensive Haltung hat Wolfgang Büchele rasch aufgegeben. In der Bilanzpressekonferenz im März gab sich der Vorstandsvorsitzende von Linde noch zahm, tat Größe als zweitrangiges Ziel ab und begnügte sich mit dem Titel des Innovationsführers. Doch schon zwei Monate später wirkte Büchele in einem Interview wie verwandelt und angriffslustig: Wieder die Nummer 1 im Markt zu werden, lasse sich schon in absehbarer Zeit erreichen.

Wie kam es zu dem Umdenken? Weckte Wolfgang Reitzle, der Linde mit der Übernahme von BOC zum Branchenprimus gemacht hatte, schon vor seiner Wahl zum Aufsichtsratschef Bücheles Kampfgeist? Vielleicht wird Reitzles Macht in diesem Punkt überschätzt und Büchele änderte seine Strategie einfach, weil sich eine gute Gelegenheit auftat: eine Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair.

Ob die Gespräche mit einem Erfolg enden, lässt sich noch nicht absehen. Wenn ja, wäre das Kartellthema die nächste Hürde. Die Konzentration des Oligopols im Industriegasemarkt spitzt sich zu. Mit Praxair zöge Linde an Air Liquide und der erst in diesem Jahr übernommenen Airgas wieder vorbei - mit deutlichem Abstand. Der US-Konkurrent Air Products wäre weit abgeschlagen die dritte Marktgröße. Das Management von Linde und Praxair ist zuversichtlich, das Okay der Kartellbehörden zu bekommen. Wenn weitreichende Auflagen zu erwarten wären, würden beide Unternehmen wohl kaum weiterhin über einen Zusammenschluss sprechen.

Nächster Punkt: die Finanzierung. Die Börse hat die Idee einer Verschmelzung mit einem Aktientausch am Dienstag bejubelt. Eine Lösung mit Charme, da sie ohne großen finanziellen Aufwand zu erreichen wäre. Air Liquide dagegen bereitet eine Kapitalerhöhung vor, um die teure Übernahme von Airgas zu stemmen. Die Aktionäre sind wenig überzeugt: Seit der Ankündigung der Akquisition gab der Kurs ein Fünftel nach.

Im Fall einer Fusion unter Gleichen stellt sich allerdings immer die Frage: Wer hat letztlich das Sagen? Linde ist fast doppelt so groß, aber Praxair profitabler. Eine Garantie für ein harmonisches Miteinander gibt es nicht.

Davon kann der Linde-Vorstand ein Lied singen. Der Zwist von Büchele und Finanzvorstand Georg Denoke schwelt weiter. Das erschwert die Gespräche mit Praxair, je konkreter das Vorhaben wird. Es wäre fatal, wenn der interne Konflikt die Offensive von Linde jäh stoppen würde. Dann müsste sich der Konzernchef schon wieder ein neues Ziel einfallen lassen.

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