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Börsen-Zeitung: Kurz und schlecht, Kommentar zu Halbjahresberichten von Michael Flämig

Frankfurt (ots) - In der Kürze liegt die Würze. Nach dieser Weisheit handeln in diesem Jahr Investor-Relations-Abteilungen landauf, landab. Teils haben die Vorstände die Berichte zum ersten und dritten Quartal gestrichen - der Gesetzgeber erlaubt dies. Aber auch das Volumen der Finanzberichte schrumpft, indem Redundanzen und Infomüll entsorgt wurden. Sofern dies handwerklich gelingt, ist es lobenswert. Zum Halbjahr allerdings haben etliche Adressen ihre Streichorgie übertrieben.

Beispiel Allianz: "6M" prangt auf dem Cover dort, wo zwölf Monate zuvor "Q2" stand. Dementsprechend finden sich in dem Werk, das um mehr als die Hälfte geschrumpft ist, Tabellen nur noch mit Halbjahreszahlen. Auch im Fließtext sind Informationen über das zweite Quartal Mangelware - die Wirtschaftsprüfer hatten auch gar nicht mehr den Auftrag für ein Quartals-Audit. Ein Taschenrechner hilft nur weiter, wenn der Leser sich zuvor die korrespondierenden Angaben zum ersten Quartal zusammengesucht hat. Rundungsfehler in den Ergebnissen der Rechenoperationen sind garantiert. Das Resultat: Es fehlt jegliches Gefühl dafür, welche Dynamik das Geschäft in jüngerer Zeit hatte.

Der Spartick in den Berichten ist noch die Ausnahme. Namhafte Konzerne haben sich der Mode verweigert. Darunter sind zum Beispiel BMW, Fresenius, Continental, Deutsche Bank, Telekom, Lufthansa, Deutsche Post, BASF, Infineon, Bayer, Adidas oder Metro. Aber die Zahl der Informationsminimierer steigt. Beiersdorf fährt diese Linie schon traditionell. Konzerne wie Siemens oder Osram sind zum Halbjahr ihrer Geschäftsjahre erstmals auf den Zug aufgesprungen. Auch kleinere Werte wie Patrizia Immobilien gehören zu den Pionieren.

Dabei treibt es nicht jeder so wild wie der Augsburger Immobilienspezialist, der sogar in der Präsentation das zweite Quartal völlig ausspart. Allianz, Siemens oder Osram legen dagegen in ihren Präsentationen und Pressemitteilungen den Schwerpunkt auf die zurückliegenden drei Monate. Die Allianz liefert zudem ausführliche Excel-Tabellen. Wer will, kann sich die Angaben also zusammensuchen. Voraussetzung dafür allerdings ist, überhaupt zu wissen, welcher Logik das Verteilen der Infos auf die unterschiedlichen Kommunikationswege folgt.

Anleger brauchen keinen Flickenteppich, sondern einen Überblick. Der Finanzbericht ist der Dreh- und Angelpunkt für diesen Informationsanspruch. Allianz & Co. sollten nachbessern, auch wenn hierzu zusätzlich Quartalszahlen testiert werden müssen. Kurz und gut: Kurz ist in diesem Fall schlecht.

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