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Börsen-Zeitung: Spirit of 2007, Kommentar zum Brexit von Andreas Hippin

Frankfurt (ots) - Der dritte große britische Immobilienfonds hat nicht mehr genügend Bargeld, um Anleger auszuzahlen, die ihre Anteile zurückgeben wollen. Ein US-Analyst fühlt sich darob bereits an 2007 erinnert. Damals schlossen zwei Hedgefonds von Bear Stearns die Pforten. Damit begann die bisher größte Finanzkrise aller Zeiten. Ist es wirklich schon wieder so weit? Sind die apokalyptischen Prophezeiungen von Schatzkanzler George Osborne und Notenbankchef Mark Carney schon so kurz nach dem Votum für den EU-Austritt in Erfüllung gegangen?

Angesichts der erstaunlichen Bewertungen, zu denen sich der britische Gewerbeimmobilienmarkt aufgeschaukelt hatte, warteten Branchenexperten geradezu auf eine Korrektur. Schließlich waren die angesetzten Preise nur zu rechtfertigen, wenn man von einem ununterbrochenen Mietwachstum bis in alle Ewigkeit ausging. Das wachsende Angebot und der Umstand, dass das Geschäft mit Büroflächen anfällig für konjunkturelle Schwankungen ist, wurden dabei sorgsam ausgeblendet.

Das bevorstehende EU-Referendum gab vielen Anlegern einen Grund, im Portfolio aufgelaufene Buchgewinne zu realisieren. Selbst für den Fall einer Entscheidung für den Verbleib in der Staatengemeinschaft rechnete kaum jemand ernsthaft damit, dass die Preise noch weiter steigen könnten.

Die Anteilsrückgaben erstreckten sich über Monate. Zugleich gingen die Investitionen aus dem Ausland in britische Gewerbeimmobilien empfindlich zurück - aufgrund der politischen Unsicherheit einerseits und der saftigen Preise andererseits. Liquide Reit-Aktien wurden abgestoßen, um Anleger auszuzahlen. Inzwischen können die Fonds den Forderungen ihrer Investoren nicht mehr nachkommen, ohne Immobilien zu verkaufen. Solche Abschlüsse sind nicht an einem Börsentag zu bewerkstelligen, sondern in der Regel ein langwieriger Prozess. Deshalb werden sich die Anleger gedulden müssen. Grund zur Panik besteht deshalb nicht.

Allerdings könnten Notverkäufe von Immobilienfonds die Preise für Gewerbeimmobilien unter Druck setzen, zumal die Bewertungsgrundlagen mit Blick auf den bevorstehenden Brexit unklar sind. Banken greifen bei der Kreditvergabe an Firmenkunden gerne auf Immobilien als Sicherheiten zurück. Da könnte Wertberichtigungsbedarf entstehen, nachdem in den vergangenen Quartalen Zuschreibungen die Ergebnisse auspolsterten. Sie sind jedoch weit weniger exponiert als vor der Finanzkrise. Der Geist von 2007 dürfte erst einmal in der Flasche bleiben.

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