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Börsen-Zeitung: Jetzt geht's los, Kommentar zu VW von Carsten Steevens

Frankfurt (ots) - Seit neun Monaten wird der Volkswagen-Konzern vom Dieselabgasskandal durchgeschüttelt, von der größten Krise der Firmengeschichte ist die Rede. Fast ebenso lang laboriert Europas größter Autobauer an seiner neuen "Strategie 2025". Mit nun enthüllten 15 Initiativen, die verbunden werden mit milliardenschweren Investitionen sowie Einsparungen und Portfoliobereinigungen, wollen sich die Wolfsburger für das nächste Mobilitätszeitalter mit Elektrofahrzeugen, autonomem Fahren und neuen Dienstleistungen rüsten und zugleich rentabler werden. Angekündigt wird nicht weniger als ein historischer Umbau.

Wer bei dieser Gemengelage bislang um die finanzielle Stabilität des Zwölfmarkenkonzerns und um die Gesundheit des seit September amtierenden Vorstandsvorsitzenden besorgt war, kann seit gestern etwas aufatmen. Die neue Strategie sei "nicht im Eiffelturm" entstanden, verstolperte Matthias Müller zur Erheiterung der Anwesenden seine Einleitung in der Pressekonferenz, um sich sogleich zu entschuldigen: Wenn man zu viel Europameisterschaft schaut ...

Mit der neuen Strategie hat sich Volkswagen einen Kompass für die nächsten zehn Jahre gegeben. Wenn der Abgasskandal etwas Positives hatte, dann den Zwang, sich schneller und intensiver mit der Ausrichtung des Konzerns zu beschäftigen. Digitalisierung, E-Mobilität und zunehmender Wettbewerb lassen absehbar den Kapitalbedarf steigen, weil Innovationszyklen kürzer werden. Bei der Profitabilität liegt Volkswagen - zum Teil deutlich - im Hintertreffen, wie Müller gestern in bemerkenswerter Offenheit Defizite der bisherigen Ausrichtung benannte.

Die "Strategie 2025" richtet den Blick nach vorn, sie gibt einer verunsicherten Belegschaft neuen Mut. Auch kommt sie - aus Sicht des Unternehmens - gerade rechtzeitig vor der Hauptversammlung des Jahres: Vorstand und Aufsichtsrat haben nun eine Vorlage, mit erzürnten Aktionären über die künftige Ausrichtung des Konzerns und die steigerungsfähige Rentabilität zu diskutieren. Am Mittwoch wird sich freilich noch immer nicht abschätzen lassen, wie hoch die finanziellen Folgen der Abgasaffäre sein werden. Das Ergebnis der Verhandlungen über einen Vergleich mit Umweltbehörden und Klägern in den USA verzögert sich.

Wer von der lange angekündigten Vorstellung der neuen Konzernstrategie zumindest einen kleinen Befreiungsschlag erwartet hatte, den enttäuschte Volkswagen gestern. Details zur Ausführung blieben offen, der Aktienkurs fiel. Wie sagte Fußball-Fan Müller noch: Die Arbeit hat gerade erst begonnen.

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