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Börsen-Zeitung: Gelebte Kapitalmarktunion, Kommentar zu Deutschen Börse/LSE von Claus Döring

Frankfurt (ots) - Was dem einstigen Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert vor elf Jahren nicht gelang, will nun Carsten Kengeter mit einem neuen Anlauf schaffen: mit der London Stock Exchange (LSE) und der Deutschen Börse die beiden führenden Börsenbetreiber Europas zusammenführen. Nach den zweimonatigen Sondierungen stehen zwar erst die groben Umrisse der ins Auge gefassten Verbindung, doch die Chance zum Gelingen scheint dieses Mal größer als damals.

Erstens handelt es sich jetzt um einen Merger of Equals und nicht um eine Übernahme der LSE, die seinerzeit ja nicht nur Empfindlichkeiten in der Londoner City auslöste, sondern auch gegen die Fusion wettende Hedgefonds mit TCI an der Spitze auf den Plan rief.

Zweitens soll sich an den rechtlichen Verhältnissen und aufsichtlichen Zuständigkeiten der Börsenbetreiber einschließlich ihrer Töchter und Beteiligungen nichts ändern, weil über beide Gruppen eine Holding gesetzt wird, an der die Aktionäre entsprechend der Börsenbewertung beider Unternehmen beteiligt sein werden. Das leichte Übergewicht von 54% zugunsten der Deutschen Börse legt zwar nahe, dass als CEO der neuen europäischen Börsenholding Carsten Kengeter agieren könnte, doch betont man in Frankfurt die Ebenbürtigkeit der Fusionspartner und die angestrebte föderale Geschäftsstruktur des angedachten Gebildes. Im Gegensatz zu der in den vergangenen Jahren nur noch schwach gewachsenen Deutschen Börse hat die LSE unter Xavier Rolet - wie Kengeter ein ehemaliger Investmentbanker - einen strammen Expansionskurs hinter sich.

Drittens wird mit dem Zusammengehen eine europäische Antwort auf die sich beschleunigende Konsolidierungswelle unter den internationalen Börsenbetreibern versucht. Es wäre wohl eine Frage der Zeit, bis die deutlich schwereren US-Konkurrenten ihre Hände nach Europa ausstrecken.

In Deutschland ist es trotz aller Anstrengungen bisher nicht gelungen, den Kapitalmarkt als Wachstums- und Finanzierungsmotor für die Realwirtschaft zu entwickeln. Über das Zusammengehen mit der LSE erschließt die Deutsche Börse ihren Kunden den Zugang zum äußerst liquiden Londoner Markt. Die an den Märkten spontan gefeierte Fusionsabsicht zwischen Frankfurt und London ist nicht nur eine klare Antwort der Finanzwelt auf die Brexit-Spekulationen. Sie ist vor allem ein konkretes Projekt, um die vagen Vorstellungen für eine europäische Kapitalmarktunion in der EU mit Leben zu füllen.

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