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Börsen-Zeitung: Standortpolitik 1.0, Kommentar zu Industrie 4.0 von Stefan Paravicini

Frankfurt (ots) - Die vierte industrielle Revolution zu einer voll vernetzten, digitalisierten Wirtschaft ist in vollem Gange, heißt es überall. "Industrie 4.0" ist denn auch der Begriff, auf den die nächste Ausbaustufe des Wirtschaftsstandorts Deutschland von jedem gebracht wird, der etwas auf sich hält. Klar, dass da keiner zurückbleiben will. Jede Branche, jeder Branchenverband will mindestens 4.0 sein, Forschung und Politik sowieso.

Da wundert es kaum, dass es nur so wimmelt von Initiativen, High-Tech-Strategien, Bündnissen und Plattformen, von denen der Sprung aus der Welt 2.0 oder 3.8 nach ganz vorne gelingen soll. Seit gestern hat die Republik eine Initiative mehr am Start: Die Fraunhofer-Gesellschaft und Partner aus der Industrie haben mit Unterstützung der Bundesministerien für Bildung und Forschung, für Wirtschaft und Energie, für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie des Innenministeriums ein gemeinsames Projekt gestartet, "um einen international offenen Datenraum für die Wirtschaft zu schaffen", wie es heißt.

Noch bevor die neue Initiative an den Start gegangen war, gab es in dieser Woche vereinzelte Zwischenrufe, etwa vom Bundesverband der Deutschen Industrie, die Politik dürfe beim Thema Industrie 4.0 keine Doppelstrukturen fördern. Da nervt es offenbar den einen oder anderen, dass die Spitzenverbände beim Projekt "Industrial Data Space" nicht in der ersten Reihe sitzen. Sie haben unter anderem in der "Plattform Industrie 4.0" den Hut auf, die Interessenvertreter des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus, der hiesigen Elektroindustrie und der IT- und Telekommunikationsbranche vor zwei Jahren auf der Hannover Messe Industrie aus der Taufe gehoben hatten. Bahnbrechende Ergebnisse, etwa bei der Entwicklung von gemeinsamen Standards für eine vernetzte Industrie, sind von der bisherigen Arbeit der Verbandsplattform nicht überliefert. Unternehmen wie Siemens, SAP, Bosch und Infineon haben sich derweil der US-Initiative Industrial Internet Consortium zugewandt, um auf dem Weg Richtung 4.0 nicht von der Konkurrenz überholt zu werden.

Dass sich jetzt auch die Fraunhofer-Gesellschaft in führender Position des Themas annimmt, ist eine gute Nachricht. Die Institute haben ihre Stärke an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gerade dort, wo die Basis für die vernetzte Industrie gelegt wird. Die Sorge über Doppelstrukturen klingt da ein bisschen nach Verbandsarbeit 1.0. Auf dem Weg in die Industrie 4.0 würde es den Akteuren jedenfalls gut anstehen, auch ihre Standortpolitik zu vernetzen.

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