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Börsen-Zeitung: Kernschmelze, Kommentar zum Schottland-Referendum von Andreas Hippin

Frankfurt (ots) - Zehn Tage vor dem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands haben die Nationalisten die Nase vorn. In London gibt es erste Anzeichen von Panik. Lange Monate hatten die Akteure am Devisenmarkt damit verbracht, aus der Farbe der Krawatte des Notenbankgouverneurs Mark Carney Hinweise auf das Timing des ersten Zinsschritts der Bank of England abzuleiten. Nach Bekanntwerden der neuesten Umfrageergebnisse war auf einmal Schluss mit dem selbstreferenziellen Handeln an den Finanzmärkten. Das Pfund schmierte gegen den Dollar ab. Bei den Vermögensverwaltern gingen reichlich Anrufe besorgter Kunden ein. So viel Schaden haben die Schotten in der britischen Metropole nicht angerichtet, seit sie nach dem Sieg über England 1977 das Spielfeld im Wembley-Stadion verwüsteten.

Schatzkanzler George Osborne könnte sich eigentlich freuen, dass das Pfund abwertet. Das entlastet zumindest die Exportwirtschaft. Sollte sich Schottland in der kommenden Woche aber wirklich für das Verlassen der Union entscheiden, stünde die Politik der regierenden Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten vor der Kernschmelze. Die britischen Institutionen haben sich auf diesen Fall nur unzureichend oder gar nicht vorbereitet. Noch vor einem Jahr wischte Carney Fragen zum Thema Schottland mit der Bemerkung vom Tisch, es sei noch niemand auf ihn zugekommen. Osbornes Schatzamt stellt offenbar erst jetzt ein Team zusammen, das sich mit den Folgen eines Ja-Votums auseinandersetzen soll.

Nachdem sich die Insel mühsam wieder auf Vorkrisenniveau hochgearbeitet hat, könnte es mit der Aufwärtsbewegung nun schnell wieder vorbei sein. Schottland ist nach der EU der wichtigste Handelspartner Rest-Britanniens, und zahlreiche Investitionsvorhaben dürften auf Eis gelegt werden, bis die Währungsfrage geklärt ist. Die Weigerung Londons, über eine Währungsunion zu verhandeln, wird im Falle eines Sieges der Nationalisten um Alex Salmond bestenfalls dazu führen, dass die Bank of England schottischen Banken auch weiterhin bei Bedarf Liquidität zur Verfügung stellt, während London und Edinburgh die Details ausarbeiten. Schlimmstenfalls droht dem britischen Bankensystem der Absturz ins Chaos. Eine Loslösung Schottlands würde zudem die Frage aufwerfen, ob die für 2015 angesetzten Wahlen verschoben werden müssen. Die Anti-Brüssel-Partei Ukip würde gestärkt, die Wahrscheinlichkeit eines Ausstiegs aus der EU stiege. Es wird heiß in London.

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