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Schwäbische Zeitung: Kranke Kliniklandschaft - Leitartikel

Ravensburg (ots) - Unsauberes OP-Besteck. Schlecht ausgebildetes Hilfspersonal. Ärzte und Pflegekräfte am Rande der Erschöpfung, weil Stellenpläne nicht passen. Die Zustände an der Uniklinik Mannheim mögen ein besonders krasser Einzelfall sein. Zum Glück gehört es nicht zum Alltag in Deutschland, dass eine Staatsanwaltschaft kartonweise Unterlagen und medizinisches Gerät für Ermittlungen abtransportiert. Doch die Zustände in dieser Klinik, die anders als viele andere Krankenhäuser stabil schwarze Zahlen geschrieben hat, sind auch nicht völlig untypisch. Sie spiegeln teilweise die Rahmenbedingungen im deutschen Gesundheitswesen wider, in dem der Faktor Wirtschaftlichkeit einen hohen Stellenwert einnimmt.

Für das bedrängte Großklinikum mag es ein erster Befreiungsschlag sein, dass der Verwaltungschef seinen Rücktritt erklärt hat. Alfred Dänzer war aber bislang auch Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Das macht den Fall zum Politikum, weil so ein Funktionär über starken Einfluss verfügt. Natürlich müssen medizinische Leistungen fair abgerechnet werden. Die Versicherten dürfen Kostenbewusstsein erwarten. Nach der jüngsten Statistik aber ist in Deutschland noch nie so viel operiert worden wie im vergangenen Jahr. Der Verdacht, dass ein Teil der Eingriffe auch zur Verbesserung der Einnahmen vorgenommen worden ist, steht im Raum.

Seit Jahren herrscht Dauerstreit über die Höhe von Fallpauschalen, ob für Ärzte oder für Kliniken. In einigen ländlichen Regionen hat ein Kliniksterben eingesetzt, weil sich der Betrieb nicht mehr rechnet. Moderne Medizin ist nun mal teuer. Längst herrscht zudem ein eklatanter Personalmangel. Das alles spricht dafür, dass an der falschen Stelle gespart wird oder gespart werden muss. Darunter leidet die Qualität der Versorgung, das Vertrauen in das System schwindet. Nach Berechnungen der AOK kommen in Deutschlands Kliniken durch Behandlungsfehler mehr Menschen um als bei Verkehrsunfällen. Für ein so hoch entwickeltes Land ist das ein Armutszeugnis.

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