Schwäbische Zeitung: Zetsches Erblast - Kommentar

Leutkirch (ots) - Dieter Zetsche hat gestern alle Kritiker Lügen gestraft, die ihm Selbstzufriedenheit und Realitätsverlust vorwerfen. Wenn ein Konzernchef öffentlich von "Verbesserungspotenzial" und "Gegenmaßnahmen" spricht, so heißt das übersetzt: Es ist ernst, wir müssen handeln! Die Lage Daimlers ist das Resultat folgenschwerer Fehlentscheidungen. Nicht aber Zetsche ist der Abstieg des schwäbischen Vorzeigeunternehmens anzulasten, sondern seinen Vorgängern Edzard Reuter und Jürgen Schrempp. Reuter überdehnte den Konzern mit dem Versuch, einen "integrierten Technologiekonzern" zu schaffen. Der Autohersteller wurde zum Technik-Kramladen. Sein Nachfolger Schrempp rief die Welt-AG aus. Das aberwitzige Unterfangen, ein Bündnis mit Chrysler und Mitsubishi zu schließen, lähmte den Konzern über Jahre. Am Ende stand "die größte Kapitalvernichtung, die es jemals in Deutschland zu Friedenszeiten gegeben hat", stellten Ökonomen treffend fest. Ausgelaugt und beschäftigt mit sich selbst, entging Daimler der Aufstieg von BMW und Audi.

BMW verkauft heute mehr Autos als Daimler, Audi arbeitet profitabler. Die Fabriken der Konkurrenten sind moderner. Die Modelle von Mercedes sind zu alt, die Fertigung ist zu teuer. Die einstmals stärkste Automarke der Welt ist ein Schatten ihrer selbst und gilt vielen als mittelmäßig. Lange Zeit redete sich Zetsche die Lage schön. Jetzt aber zwingen ihn miserable Zahlen zum Handeln. Daimler hat ein ambitioniertes Sparprogramm auf den Weg gebracht und einen Vorstand für China eingesetzt. Der Vertrieb wird verbessert, die Montage gestrafft. Bald kommen erneuerte Modelle auf den Markt. Damit sind die Chancen gestiegen, dass der Koloss die Kehrtwende schafft. Doch das wird Jahre dauern.

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