Schwäbische Zeitung: Fall Schavan: Kanzlerin kann Mut beweisen - Leitartikel

Leutkirch (ots) - An Rücktrittsforderungen fehlt es nicht. Kann eine Frau, der der Doktortitel entzogen wurde, Ministerin bleiben, ausgerechnet Bildungsministerin sogar? Nüchtern betrachtet wird dies schwierig. Sie könnte sich im Amt halten, wenn sie die nötige Rückendeckung hat. Und die wird, aller Erfahrung nach, im bevorstehenden Wahlkampf schwinden, wenn die politischen Gegner ein ums andere Mal darauf verweisen, dass diese Bildungsministerin keinen Studienabschluss besitzt.

Menschlich gesehen muss man trotzdem hoffen, dass Annette Schavan und ihre Partei die Nerven behalten. Erstens, weil die Bildungsministerin eben nicht wie Karl Theodor zu Guttenberg seitenweise kopiert und abgeschrieben hat, sondern - selbst eingestandene - Fehler beim Zitieren gemacht hat, die weniger schwer wiegen. Und es gibt einige Wissenschaftler und Juristen, die Zweifel haben, ob diese Fehler zur Aberkennung des Titels reichen.

Zweitens: Es geht nicht um eine Straftat, sondern um die Frage, ob bei einer Doktorarbeit geschummelt wurde. Annette Schavan hat seitdem gezeigt, was sie kann - in der Politik, in der Gesellschaft und in der Lehre. Und drittens: Noch nicht einmal SPD-Chef Sigmar Gabriel zweifelt an der Glaubwürdigkeit von Annette Schavan. Sie gilt als integre Persönlichkeit, und jede Rücktrittsforderung wird bemerkenswerter Weise auch mit diesem Hinweis verbunden. Von einer gewissen Tragik ist dann gerne die Rede.

Annette Schavan will kämpfen, das hat sie immer angekündigt. Doch wie es mit ihr weiter geht, das hängt in erster Linie nicht von ihr, sondern von der Kanzlerin ab. Die ist eine nicht nur politische Freundin Schavans. Doch Angela Merkel ist auch dafür bekannt, dass sie knallhart handelt, wenn Gefahr für sie im Verzug ist. Das hat sie oft gezeigt. Wenn aber Solidarität und Vertrauen ausnahmsweise einmal vorgehen sollten in der Politik, wenn die Kanzlerin sich weiter vor ihre Ministerin stellen würde, auch wenn es im Wahlkampf hart wird, dann wäre das weit mehr als ein schöner Zug. Es würde zeigen, dass die Kanzlerin Mut hat.

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