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Umfrage: Schlechte Stimmung in der norddeutschen Wohnungswirtschaft - VNW-Arbeitstagung in Lübeck

  1. Angesichts des politischen und wirtschaftlichen Gegenwinds steht der Neubau von 2500 Wohnungen auf der Kippe.
  2. 78 Prozent der Wohnungsunternehmen bewerten die aktuelle Lage als „Sehr schlecht“ bzw. „schlecht“.
  3. Die drei größten Probleme: hohe Zinsen, hohe Baupreise und überbordende Bauvorschriften.
  4. Eine Begrenzung von Mieterhöhungsmöglichkeiten würde die Bauzurückhaltung verstärken.
  5. VNW-Direktor Andreas Breitner: „Abstimmung mit den Füßen“. Verteilungskonflikte werden zunehmen.
  6. Kiels Bauministerin Dr. Sabine Sütterlin-Waack: Menschen und Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität nicht überfordern.
  7. Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein: Soziale Wohnraumförderung wirkt.

102/2023

Lübeck. Auf Grund der schlechten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stehen in Norddeutschland mehr als 2500 Neubauwohnungen auf der Kippe. Bei rund 1700 Wohnungen droht eine Verschiebung der Sanierung bzw. ein Verzicht darauf.

Das geht aus der aktuellen „Stimmungs-Umfrage“ unter den Mitgliedern des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) hervor, die zwischen dem 4. und 12. September durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der Studie, an der 80 von 296 befragten Unternehmen teilnahmen, wurden am Montag auf der VNW-Arbeitstagung in Lübeck vorgestellt.

Vier von fünf Unternehmen bewerten die Lage als „sehr schlecht“ bzw. „schlecht“

Den Ergebnissen zufolge ist bei den allermeisten sozialen Vermietern die Stimmung schlecht. 78 Prozent von ihnen bewerten die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen als „sehr schlecht“ bzw. „schlecht“. 19 Prozent erklärten, die Bedingungen seien befriedigend.

Als Folge werden 56 Prozent der Unternehmen den Neubau von Wohnungen verschieben bzw. darauf verzichten. 28 Prozent sind sich noch nicht sicher. Lediglich 16 Prozent der Unternehmen, die an der Studie teilnahmen, halten an ihren geplanten Neubauprojekten fest.

Mehr als 2500 Wohnungen stehen in Norddeutschland somit auf Grund einer Verschiebung bzw. bei einem Verzicht von Neubauprojekten zur Disposition. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr stellten die VNW-Unternehmen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 3549 Wohnungen fertig.

Die drei größten Probleme

Die drei größten Probleme, die den Neubau von Wohnungen erschweren bzw. ihn verhindern, sind derzeit die hohen Zinsen, hohe Baupreise und komplexe sowie kontraproduktive Bauvorschriften und Baustandards. Allerdings ist auch die verschlechterte staatlichen Förderung ein wichtiger Grund dafür, dass die Unternehmen die Finger vom Neubau lassen.

Betroffen ist ferner die Sanierung von Wohnungen. 35 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, geplante Sanierungsprojekte zu verschieben. Davon betroffen sind rund 1700 bezahlbare Wohnungen. 31 Prozent sind noch unsicher. Lediglich 34 Prozent halten an geplanten Sanierungsprojekten fest.

Die Erhöhung von Mieten in den kommenden drei Jahren auf maximal sechs Prozent zu begrenzen - so wie von der SPD-Bundestagsfraktion vorgeschlagen -, würde sich massiv auf die Geschäftstätigkeit der VNW-Unternehmen auswirken.

Rund 60 Prozent der Unternehmen fürchten, dass sie in so einem Falle kaum mehr Modernisierungen umsetzen bzw. Wohnungen neu bauen können. Ein Drittel der befragten Unternehmen gab allerdings auch an, dass eine entsprechende Änderung sie nicht treffen würde, weil sie ihre Mieten lediglich in einem geringeren Umfang erhöhen würden.

„Abstimmung mit den Füßen“

VNW-Direktor Andreas Breitner sprach mit Blick auf die Umfrageergebnisse von einer „Abstimmung mit den Füßen“. „Die sozialen Vermieter, die gut 40 Prozent aller bezahlbaren Mietwohnungen in Norddeutschland anbieten, wissen sich angesichts des Gegenwindes nicht mehr anders zu helfen, als das Geld zusammenzuhalten und auf Neubauten zu verzichten. Das erfüllt fast schon den Tatbestand der Notwehr.“

Angesichts des steigenden Bedarfs an bezahlbaren Wohnungen - vor allem in den Metropolregionen - sei die Zurückhaltung beim Neubau bezahlbarer Wohnungen eine schlechte Nachricht, sagte VNW-Direktor Andreas Breitner am Rande der VNW-Arbeitstagung. „Schon jetzt sei der Wohnungsmarkt angespannt. Ich fürchte, wir werden in den kommenden Jahren eine Zunahme der Verteilungskonflikte erleben.“

Vor allem im Segment der frei finanzierten Wohnungen seien weitere Mietsteigerungen zu erwarten. „Das wird dazu führen, dass mehr Menschen mit mittlerem oder geringem Einkommen nach einer preisgünstigeren Wohnung suchen werden und so die Lage auf dem Wohnungsmarkt verschärfen.“

Eine rasche Entspannung der Lage auf dem Wohnungsmarkt wird es nicht geben

Eine rasche Lösung der Probleme durch massenhaften Neubau erwartet der VNW-Direktor nicht. „Wer heute mit der Planung eines Wohngebäudes beginnt, wird frühestens in drei Jahren die Schlüssel zu den Wohnungen übergeben können. Dazu ist aber eine deutliche Beschleunigung der Baugenehmigungsverfahren notwendig.“

VNW-Direktor Andreas Breitner mahnte erneut den Abbau von Bürokratie an. „Eigentlich bin ich es leid, dafür immer und immer wieder zu plädieren, zumal auch Politikerinnen und Politiker seit Jahre versprechen, die Baugesetzbücher zu entschlacken. Leider passiert das Gegenteil - die Zahl der Vorschriften steigt nach wie vor. Dabei wäre der Abbau von Bürokratie ohne millionenschwere öffentliche Investitionen machbar und müsste eigentlich für jede Partei ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.“

VNW-Arbeitstagung in Lübeck

Die VNW-Arbeitstagung ist das wichtigste Jahrestreffen der norddeutschen Wohnungswirtschaft. Rund 800 Vorstände, Geschäftsführer und Gäste nehmen in diesem Jahr in Lübeck an dem zweitägigen Treffen teil.

Schleswig-Holsteins Innen- und Bauministerin Dr. Sabine Sütterlin-Waack warnte davor, die Menschen und die Wohnungsunternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität zu überfordern. „Wir setzen auf maßvolle Effizienzmaßnahmen, die den Menschen die Verunsicherung nehmen.“ Es bedürfe verlässlicher und realistischer politischer Vorgaben, damit auch Wohnungsunternehmen Sicherheit bekämen.

Marcel Sonntag, Vorsitzender des VNW-Verbandsausschusses, kritisierte, dass Politik den Lösungsvorschlägen der Wohnungswirtschaft oftmals nicht ausreichend Gehör schenke. Viele Gesetze, die derzeit vor allem in Berlin beschlossen worden seien, sei in der Praxis kaum umsetzbar. „Wir brauchen praxistaugliche Gesetze“, sagte Marcel Sonntag. Der VNW-Verbandsausschussvorsitzende nahm zugleich die Bundesländer in die Pflicht. Sie könnten Regelungen, die in der Praxis nicht funktionierten, über den Bundesrat beeinfluss. Kritisch sieht Marcel Sonntag die wiederholte Verschärfung der Klimaschutzziele durch die Politik. „Unrealistische Ziele werden aber nicht dadurch erreichbar, wenn man sie verschärft, ohne die Rahmenbedingungen entsprechend zu verändern.“

Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein berichtete darüber, dass auf Grund der deutliche erhöhten sozialen Wohnraumförderung vermehrt Unternehmen frei finanzierte Wohnungen in sozialen Wohnungsbau umwandeln. Bislang sind das rund 400 Wohnungen, die jetzt öffentlich gefördert würden.

Die Staatsekretärin Ina-Maria Ulbrich aus Mecklenburg-Vorpommern, verwies darauf, dass die Förderangebote des Landes auf Grund günstiger Zinskonditionen inzwischen sehr nachgefragt würden.

18/09/2023

Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) vertritt in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein insgesamt 418 Wohnungsgenossenschaften und Wohnungsgesellschaften. In den von ihnen verwalteten 686.000 Wohnungen leben rund 1,5 Millionen Menschen. Die durchschnittliche Nettokaltmiete pro Quadratmeter liegt bei den VNW-Unternehmen bei 6,41 Euro. Der VNW ist der Verband der Vermieter mit Werten.

V.i.S.P.: Oliver Schirg, Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), Referat Kommunikation, Telefon: +49 40 52011 226, Mobil: +49 151 6450 2897, Mail: schirg@vnw.de

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