Erhebliche regionale Unterschiede bei Arbeitsbewilligungen, PI Nr. 55/2026
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Erhebliche regionale Unterschiede bei Arbeitsbewilligungen
Ein neues Gutachten von Forschenden der Universität Konstanz zeigt: Es existieren erhebliche regionale Unterschiede bei der Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für ausländische Arbeitskräfte. Selbst dort, wo dringend Fachkräfte gesucht werden.
Während Unternehmen in Deutschland vielerorts händeringend nach Arbeitskräften suchen, entscheiden Ausländerbehörden und Agenturen für Arbeit regional sehr unterschiedlich über Arbeitsbewilligungen für ausländische Beschäftigte. Das zeigt ein neues Gutachten von Forschenden der Universität Konstanz im Auftrag der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag.
Die Studie von Gerald Schneider, Professor für Internationale Politik an der Universität Konstanz und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“, und dem Masterstudent Constantin Wohlfart analysiert die Ablehnungsquoten bei Arbeitsbewilligungen zwischen 2018 und 2024 auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte. Untersucht wurden regionale Unterschiede nach Branchen, Staatsangehörigkeit und Arbeitsmarktlage.
Das Ergebnis: Bei den Stadtstaaten Bremen (25,7 Prozent) und Hamburg (23,3 Prozent) sowie im Saarland (23,3 Prozent) sind die Ablehnungsquoten im Durchschnitt am höchsten. Die durchschnittlich niedrigsten Quoten weisen Sachsen (11,7 Prozent), Bayern (13,5 Prozent) und Thüringen (13,7 Prozent) auf. Die Werte verdeutlichen, dass sich die Unterschiede nicht entlang einer einfachen Ost-West-Gegenüberstellung erklären lassen.
Ein besonderer Fokus des Gutachtens lag auf Süddeutschland, insbesondere Bayern und Baden-Württemberg. Im Bundesländervergleich weist Bayern zwischen 2018 und 2024 eine der niedrigsten Ablehnungsquoten Deutschlands auf. Im Jahr 2024 lag die Quote bei 14,0 Prozent. Baden-Württemberg liegt mit durchschnittlich 14 Prozent leicht darüber; 2024 betrug die Ablehnungsquote dort 15,3 Prozent. Beide Länder befinden sich damit unter dem Bundesdurchschnitt von 16,6 Prozent, dennoch zeigen sich erhebliche Unterschiede innerhalb der beiden wirtschaftsstarken Bundesländer im Süden.
Diese Schwankungen zwischen den Landkreisen liegen bei teils bis zu 17 Prozent: So lag in Bayern die durchschnittliche Ablehnungsquote im Landkreis Dingolfing-Landau bei 24,9 Prozent, während sie im Landkreis Ebersberg lediglich 7,9 Prozent betrug. Auch in Baden-Württemberg unterscheiden sich die regionalen Entscheidungsmuster stark. Die höchste durchschnittliche Ablehnungsquoten zwischen 2018 und 2024 verzeichnete Mannheim mit 22,9 Prozent, besonders niedrige Werte weisen dagegen der Hohenlohekreis mit 8,4 Prozent, Schwäbisch Hall mit 8,6 Prozent, Ludwigsburg mit 9,6 Prozent und Stuttgart mit 10,0 Prozent auf.
„Die Unterschiede lassen sich nur teilweise durch die jeweilige Arbeitsmarktlage erklären“, schildert Gerald Schneider. „In einigen Landkreisen lagen die tatsächlichen Ablehnungsquoten deutlich über den statistisch erwartbaren Werten. Das spricht für erhebliche Unterschiede in der administrativen Entscheidungspraxis.“
„Wenn vergleichbare Anträge je nach Landkreis unterschiedlich behandelt werden, wirft das Fragen nach Transparenz und Gleichbehandlung auf“, sagt Constantin Wohlfart. Gleichzeitig entstünden wirtschaftliche Probleme: „Eine unnötig restriktive Bewilligungspraxis verschärft den Fachkräftemangel zusätzlich und verhindert, dass vorhandenes Arbeitskräftepotenzial genutzt wird.“ Besonders hoch fallen die Ablehnungsquoten in personalintensiven Branchen wie Gastronomie und Landwirtschaft aus. Gleichzeitig unterscheiden sich die Werte je nach Herkunftsgruppe erheblich.
Nach Ansicht der Forschenden weist die Studie zugleich auf ein strukturelles Problem hin. Notwendig seien klarere und bundesweit einheitlichere Kriterien für die Ausländerbehörden sowie ein engmaschigeres Monitoring der Entscheidungspraxis. „Solche regionalen Ungleichheiten können verheerende Folgen gerade für Geflüchtete haben, da diese der sogenannten Residenzpflicht unterliegen und bei einer Ablehnung der Arbeitserlaubnis nicht einfach in einen anderen Landkreis ausweichen können“, erklärt Gerald Schneider.
Faktenübersicht:
- Originalpublikation: Gutachten von Gerald Schneider und Constantin Wohlfart im Auftrag der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag zur regionalen Bewilligungspraxis bei Arbeitsgenehmigungen (2018–2024). 18. Mai 2026.
- Autoren:
- Gerald Schneider ist Professor für Internationale Politik an der Universität Konstanz und Principal Investigator am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“.
- Constantin Wohlfart ist Masterstudent am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“.
- Methodik: Ausgewertet wurden aggregierte Verwaltungsdaten zu Arbeitsbewilligungen zwischen 2018 und 2024 auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte. Analysiert wurden regionale Unterschiede nach Branchen, Staatsangehörigkeit und Arbeitsmarktlage.
- Der Exzellenzcluster „ The Politics of Inequality” an der Universität Konstanz erforscht aus interdisziplinärer Perspektive die politischen Ursachen und Folgen von Ungleichheit. Die Forschung widmet sich einigen der drängendsten Themen unserer Zeit: Zugang zu und Verteilung von (ökonomischen) Ressourcen, der weltweite Aufstieg von PopulistInnen, Klimawandel und ungerecht verteilte Bildungschancen.
Hinweis an die Redaktionen
Eine Abbildung und Portraits können im Folgenden heruntergeladen werden:
- LINK Bildunterschrift: Durchschnittliche Ablehnungsquoten in Baden-Württemberg zwischen 2018-2024 aufgeschlüsselt nach Landkreisen. Bild: Universität Konstanz
- LINK Bildunterschrift: Gerald Schneider, Professor für Internationale Politik an der Universität Konstanz. Bild: Ines Janas.
- LINK Bildunterschrift: Constantin Wohlfart, Masterstudent am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz. Bild: Felicitas Bischof.
Kontakt: Universität Konstanz Kommunikation und Marketing E-Mail: kum@uni-konstanz.de
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