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Geschäftsführender Verunsicherer
Die vom Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn vorgesehene Begrenzung beim Impfstoff Biontech ist ein Desaster. Leitartikel von Reinhard Zweigler

Regensburg (ots)

Im Abwandlung eines gängigen Spruchs aus der Fußballwelt müsste es im Fall von Jens Spahn heißen: Erst hatte er Pech und dann kam auch noch Unvermögen dazu. Der amtierende Bundesgesundheitsminister hat mit der vorgesehenen Begrenzung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer ein kommunikatives Desaster angerichtet. Ausgerechnet in der jetzigen hochdramatischen Pandemie-Situation, in der jede Impfung gegen das heimtückische Corona-Virus zählt, will er die Lieferung dieses in Deutschland hergestellten und hoch angesehenen mRNA-Impfstoffs an Ärzte und Impfzentren begrenzen. Spahn wird in den letzten Tagen seiner Amtszeit zum geschäftsführenden Verunsicherer der Nation.

Dass der Chef der bayerische Kassenärzte Markus Beier nun zu harten Worten greift und dem Berliner Minister sogar eine Sabotage der Impfkampagne vorwirft, zeigt nur, wie ernst die Lage einerseits und wie kontraproduktiv der Vorstoß von Spahn andererseits ist. Ohne Not zerstört der CDU-Politiker mit seinem Vorpreschen Vertrauen der Menschen in Impfstoffe und in die impfenden Ärzte gleich mit. Er verunsichert jene Menschen, die sich nun zum ersten oder zweiten Mal impfen lassen wollen und auch jene, die sich eine Auffrischungs-Impfung holen möchten. Obendrein liefert Spahn hartleibigen Impfverweigerern und -gegnern Munition frei Haus. Er gibt zumindest der - völlig falschen - Vorstellung Nahrung, die Bevölkerung solle schon bald mit minderwertigen Vakzinen geimpft werden. Völliger Unsinn.

Dass das Impfen der beste, aber natürlich kein hundertprozentiger Schutz vor einer Covid-19-Infektion ist, begreifen immer mehr Menschen und entscheiden sich für den Pieks in den Oberarm. Angesicht der dramatischen Infektionszahlen, überlasteter Krankenhäuser, Intensivstationen und steigender Todeszahlen setzt bei vielen Impfzögerern nun ein Umdenken ein. Gut so. Diese Menschen dürfen jetzt aber nicht dadurch verunsichert werden, indem ihnen von oben herab aus dem Berliner Ministerium heraus ein bestimmter Impfstoff vorenthalten werden soll. Statt zu rationieren, sollte Spahn dafür sorgen, dass nun so viel möglich geimpft werden kann. Von Haus- und Betriebsärzten, in Impfzentren, durch mobile Teams. Und warum nicht auch in Apotheken, wenn dort die Qualifikation vorhanden ist?

Für viele in der Union, aber auch darüber hinaus, galt Jens Spahn einige Zeit als strahlender Hoffnungsträger, ähnlich wie Sebastian Kurz bei den österreichischen Konservativen. Als einer, der die betuliche und unter Merkel schläfrig gewordene CDU aufwecken, in die Zukunft führen könnte. Die bald aus dem Amt scheidende Langzeitkanzlerin hielt dagegen nicht allzu viel vom flotten Polit-Aufsteiger aus Ostwestfalen und machte ihn - gewissermaßen zur politischen Bewährung - zum Bundesgesundheitsminister. Dass mit der Pandemie schon bald die größte gesundheitspolitische Herausforderung folgen sollte, konnte da niemand ahnen. Als oberster Manager der Krise hätte Spahn enorme Verdienste erringen können. Das Amt der CDU-Chefs, um das er sich mittlerweile gar nicht einmal mehr bewarb, sogar die Kanzlerkandidatur hätten ihm offen gestanden, wenn er die Corona-Krise hätte meistern können. Hat er aber nicht. Skandale um fehlende Masken, zu wenige Impfstoffe, zumindest zu Anfang des Jahres, sind mit seinem Namen verbunden. Dass er dagegen schon im Sommer vor einer brutalen vierten Welle warnte, ist glatt untergegangen.

Zur Ehrenrettung des Noch-Ministers muss ebenfalls gesagt werden, dass ein Körnchen Wahrheit in seinem jetzigen Vorstoß steckt. Sollte die Nachfrage nach dem Biontech-Impfstoff so stark bleiben - auch wegen des Auffrischungs-Boosterns - dann könnten schon bald die Lager leer laufen. Millionen Dosen des Impfstoffs des US-Herstellers Moderna, mit dem von Biontech durchaus vergleichbar, drohen hingegen zu verfallen und müssten entsorgt werden. Statt zu verunsichern, sollte Spahn viel mehr erklären.

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