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Wachstumsängste voraus, Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots)

Dass die Kapitalmärkte bzw. deren Akteure gern eine Karte spielen und dieses Thema dann gleich richtungsweisend ist und deutliche Spuren in den Kursen hinterlässt, ist bekannt. Dass die Märkte dann auch genauso schnell einen Schwenk vollziehen können und eine andere Karte spielen, die thematisch komplett konträr zur ersten Karte sein kann, ist auch ein bekanntes Phänomen, das so alt ist wie die Märkte selbst.

Zurzeit spielen Märkte die Inflationskarte. In Erwartung einer wirtschaftlichen Erholung nach der Covid-19-Pandemie rechnen viele mit einem stärkeren Teuerungsdruck, der dann auf längere Sicht die Zentralbanken auf den Plan rufen sollte: Eine restriktivere Gangart in der Geldpolitik wäre ein schlechtes Vorzeichen für die Aktien, die von der jahrelangen Zufuhr billigen Notenbankgeldes profitierten und einen Gipfelsturm erlebten. Bondrenditen würden weiter steigen, sie nehmen das künftig höhere Renditeniveau vorweg. Die zehnjährige Bundrendite rangiert bereits in der Nähe ihre Zweijahreshochs. Und auch in anderen europäischen Ländern ziehen die Renditen der Staatsanleihen an.

Den Experten von Candriam zufolge, dem europäischen Assetmanager von New York Life Investment Management, könnte sich der Teuerungsdruck kurzfristig weiter entfalten. Aufgrund der Wiedereröffnung der Wirtschaft sehen die Investmentmanager höhere Rohstoffpreise, steigende Frachtkosten, Engpässe in einigen Branchen - insbesondere bei Halbleitern -, leere Lager, aber auch Preissteigerungen im Dienstleistungssektor. Alle diese Faktoren würden die Teuerung antreiben. Sowohl die Erzeugerpreise als auch die Verbraucherpreise seien im April in vielen Ländern merklich gestiegen. Der Inflationsdruck könnte noch anhalten. Diese Phase geht laut Candriam wohl in ein paar Monaten zu Ende, da das Angebot sich dann an die Wiedereröffnung angepasst hat und die Lagerbestände wieder aufgebaut sind. Aufgrund der starken Störungen in globalen Lieferketten könnte dies jedoch nach Ansicht der Experten etwas länger dauern, als manche erwarten. Die meisten Zentralbanken würden sich Zeit lassen, bis sie die expansive Geldpolitik wieder straffen würden. Auch die Währungshüter seien der Ansicht, dass die Preise nur zeitweilig aufflammen, da die Aktivität derzeit an Fahrt gewinne. Die meisten Volkswirtschaften seien noch weit von der Vollbeschäftigung entfernt. Trotz der Konjunkturerholung fehlten in den USA im April 2021 rund 10 Millionen Arbeitsplätze. Im Euroraum liege die Beschäftigungsquote immer noch weit unter dem Niveau vor der Krise. Die Experten erwarten keine vorzeitige geldpolitische Straffung.

Und bald kommt wahrscheinlich die zweite Karte an den Märkten ins Spiel, und die hat eine gänzlich andere Farbe. Viele inflationssteigernde Effekte wie etwa Nachholeffekte im Tourismus dürften einmaliger Natur sein und eben nicht dauerhaft. Die Notenbanken dürften froh darüber sein, wenn sich die Preissteigerungsrate endlich mal wieder in Richtung des lange nicht gesehenen Zielwertes bewegen wird. Da wird so mancher Zentralbank-Chef bzw. -Chefin gern ein wenig warten wollen und nicht gleich über Zinssteigerungen die begonnene Erholung wieder abwürgen wollen. Überdies muss sich erst herausstellen, wie nachhaltig das Wachstum aufgrund von Konsum und Investitionsausgabensteigerung ausfallen wird. Die Verunsicherung ist hoch, und viele Wirtschaftssubjekte könnten mit ihren Ausgaben noch sehr zögerlich umgehen. Das Wachstum würde damit nicht so stark ausfallen. wie das heute mancher erwartet oder besser gesagt, sich erhofft. So gehen viele Experten denn auch davon aus, dass die Inflationsraten bereits 2022 wieder unter das Niveau fallen, das in diesem Jahr in vielen Ländern erreicht wird. Aus der Inflationssorge könnte somit schnell die Wachstumsbefürchtung werden, wenn sich abzeichnet, dass die Erholung aufgrund der Einmaleffekte wieder abbricht. Da reicht es an den Märkten aus, dass die eine oder andere Makrozahl enttäuscht. Und diese Enttäuschung könnte über Insolvenzen Realität werden.

In vielen Ländern sind Termine für Insolvenzanmeldungen verschoben und Firmen mit Hilfsgeldern am Leben erhalten worden, was den Lockdowns geschuldet war und ist. Doch nun sieht man, dass die Default Rates ansteigen. Wegfallende Firmen können erhebliche Nachfrageausfälle bei Investitionsgütern, freigesetzte Arbeitnehmer und dadurch wiederum Konsumrückgänge nach sich ziehen. Die Karte Wachstumssorge sticht sehr wahrscheinlich die Karte Inflationsangst - zumal die Zentralbanken letztere sehr schnell aus dem Spiel befördern können.

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