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Wer war Knut Bleicher?

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Knut Bleicher (* 22. April 1929 in Berlin; ? 13. Januar 2017 in Hamburg) war ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und bekannter Vertreter der St. Galler Managementlehre

St. Gallen, August 2017 - Prof. Dr. Dres. h.c. Knut Bleicher war ein Wegbereiter ganzheitlicher ökonomischer Denkweisen und Pionier praxisorientierter Managementlehre. Er begründete das St. Galler Konzept Integriertes Management, das er bis zu seinem Lebensende am Tor zum Appenzeller Land, St. Gallen, und am Tor zur Welt, in Hamburg, weiterentwickelte.

1950er Jahre

In den Nachkriegsjahren lernte Bleicher schon als junger Mensch zu agieren und zu vermitteln. In dieser historischen Situation gelang es ihm in einem ausgewogenen Mix aus Diplomatie und Beharren, von Ost-Berlin aus eine weltoffene, wirtschaftsorientierte Ausbildung an der Freien Universität im Westen der geteilten Stadt zu verwirklichen. Nach Abschluss des Studiums 1955 gehörte Knut Bleicher zu einigen wenigen, die sich für einen Aufenthalt in den USA qualifiziert hatten - ein Projekt der European Productivity Agency. EPA befasste sich damit, seed money sinnvoll und dauerhaft für Nachwuchskräfte aus dem Forschungs- und Lehrbereich einzusetzen. Der Startschuss seiner Karriere.

In den USA auf den aktuellen Stand der Managementlehre und mit dem dortigen Bildungssystem vertraut gemacht, fungierte er dann als Wissens-Multiplikator, wie sich wirtschaftliche und soziale Entwicklungen in Europa verbessern lassen. Eine Aufgabe, die Knut Bleicher dankbar bis zum Ende seines Lebens als begnadeter akademischer Lehrer umsetzte:

Seine Kontakte und Eindrücke aus den USA ebneten seine Laufbahn als "interkultureller" Brückenbauer zwischen Organisations- und Führungslehren des deutschen und des angelsächsischen Sprachraums. Zurück in Europa schrieb er für das Rationalisierungs-kuratorium der Deutschen Wirtschaft (RKW). Die Berliner Industrie- und Handelskammer beauftragte ihn, zusammen mit den anderen Teilnehmern, ein Berliner Institut für Betriebsführung zu gründen. Als Leiter dieses Institutes verfasste Bleicher einen Artikel über Unternehmensplanspiele. Die Folge: Als "Vater des Planspieles in Deutschland" entwickelte er solche unter anderem für die Deutsche BP, RKW-Niedersachsen, BASF, Otto-Versand, Bosch, Roche, Reemtsma und die Siemens AG.

1960er Jahre

So kam es, dass der Vielbeschäftigte erst 1966 seine Habilitationsschrift an der Freien Universität Berlin einreichte. Auch als Lehrstuhlinhaber für Organisation, Führung und Personal an der Justus-Liebig-Universität in Gießen engagierte sich Knut Bleicher für die betriebliche Weiterbildung: Mit der IHK führte er die "Gießener Seminare für Führungskräfte" so erfolgreich durch, dass er in Folge das Institut für Unternehmensplanung (IUP) in Gießen und das Institut für Management-Ausbildung (IMA) in Kassel gründete. Zeitgleich war Bleicher Vizepräsident der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung in Bonn-Bad Godesberg.

1970er Jahre

Ab 1970 war Knut Bleicher Schriftleiter der Zeitschrift zfo, die sich seit 1898 den Brückenschlag von der Theorie zur Praxis auf die Fahnen heftete und sich mit Organisationsentwicklung, Change Management, Projekt- und Prozessmanagement sowie den damit verbundenen Führungsaufgaben befasste. So entwickelte sich Bleicher - wie konnte es auch anders sein - in 15 Jahren zum akademischen Ökonom, der größten Wert auf Praxisbezug legte. Für ihn stand der Anwenderfokus stets im Mittelpunkt. Er lebte und wirkte mit Ausdauer und Hingabe an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Im Dialog zwischen beiden Disziplinen verwob er theoretische Ergebnisse der Organisationsforschung mit der Unternehmenspraxis und umgekehrt. So spiegelte er der Wissenschaft seine Erfahrungen zurück und zeigte, wie Probleme mit Lösungskonzepten in der unternehmerischen Realität anzupacken sind - immer unter dem wissenschaftlichen Aspekt der empirischen Evidenz. Darin sah er seinen lebenslangen Vermittlungsauftrag.

1980er Jahre

1984 folgte er der Berufung zur Nachfolge von Prof. Dr. Dres. h.c. Hans Ulrich an die Universität St. Gallen (Hochschule St. Gallen, HSG). Mit den systemtheoretischen Ansätzen Ulrichs beschäftigte er sich schon während seiner Professur ab 1967 in Gießen. Dort entwickelte er schon ein systemtheoretisch orientiertes Führungsmodell, das mit seinen verschiedenen Gestaltungsdimensionen bereits die Grundzüge des späteren St. Galler Konzepts enthielt. In St. Gallen verdichtete er die aus der amerikanischen Managementlehre herauswachsenden, neueren Ansätze mit praktischen Erfahrungen mittels der ulrichschen Leitideen und dessen systemischen Grundlagen. Ihm war wichtig, ein Konzept zu schaffen, das offen für Ergänzungen, zusätzliches Ausformen und praxisbedingte Anpassungen war. Er mochte kein "endgültiges" Modell als Resultat, wie es allgemein üblich gewesen war.

Rasch avancierte er in der Schweiz zum Präsidenten der Geschäftsleitenden Ausschüsse der Institute für Betriebswirtschaft (IfB), für Führung und Personalmanagement (IFPM) und des an der Universität neu gegründeten Instituts für Technologiemanagement (ITEM). Besonders das ITEM eröffnete ihm den gewünschten Bezug zur fertigungstechnisch orientierten Industrie, um das systemtheoretische St. Galler Gedankengut, zugunsten praktischer Verwertbarkeit, voranzutreiben. Umgeben in einer Ära der großen Transformationsphasen (Ausbau der EU, Folgen der Ost-West-Öffnung, New Economy, Schub in der Informationstechnologie, Übergang zur internationalen Wissensgemeinschaft) konnte er die Wirksamkeit seines Konzeptes nachweisen. Mit unbeirrbarem Willen bildeten nachhaltige, proaktive Praxislösungen seinen Dreh- und Angelpunkt.

1990er Jahre

Die Handhabung von Komplexität ist heute der Kernnutzen von Bleichers Konzept. Er stellte sich dem Themenkomplex und ihm gelang es, wie keinem zweiten, den Elefanten in Scheiben zu schneiden. Dieser echte Mehrwert und hohe Nutzen ragt wie ein Leuchtturm über Konzeptionen, die in der Flut ihrer eigenen Komplexität untergehen. Auch in der Lehre wusste Bleicher, in modularen Einheiten Wissen zu vermitteln, dann in Portionen umzusetzen und wieder zu hinterfragen und zu verbessern. Damit erlaubte der Meister seinen Lernenden, je nach Situation, Denk- und Wissensphase, sich auf ein Themenfeld zu konzentrieren ohne das Gesamte aus dem Auge zu verlieren. Drei Management-Ebenen - die des Normativen, Strategischen und Operativen - überschaubar in neun Themenfelder unterteilt, bilden das hochkomplexe Konzept begreiflich, hirngerecht ab.

Die Vier-Felder-Matrix eines jeden Themenfelds bietet dem Management einen "ordnenden Überblick" um Ist und Soll zu bewerten, zu justieren oder neu auszurichten. Der Manager sitzt nicht im von Schaltern und Instrumenten umgebenen Boliden und rast durch seine Unternehmung, sondern schwebt über der Unternehmung und überwacht das Ganze aus dem Glascockpit seines Hubschraubers. So erkennt er den Zusammenhang zwischen Unternehmungskultur und -struktur.

Neben dieser Themenkompetenz und dem Erfassen der Ausgangslage mit ihrer erforderlichen Sprungrichtung in die Zukunft meisterte es Bleicher, Vermittlungskraft und Umsetzungskraft zu bündeln und damit die Performance seiner Mandanten zu optimieren: In seiner Beratungstätigkeit unterstützte er zum Beispiel die Reorganisation der Hasler AG in Bern zur ASCOM und hat die Entwicklung der internationalen Baugesellschaft Hochtief in Essen vom reinen Baugeschäft hin zum General Service Provider in den Bereichen Airport und Verkehrswege entscheidend mitgestaltet. Die RWE in Essen führte er weg vom Elektrizitätsversorger hin zum Total Energy Provider. Bei Heraeus in Hanau etablierte er ein durchgehendes Prozessmanagement, die Deutsche Post begleitete er beim Ausgliedern der Telekom und die schweizerische Telecom beim Überführen in eine privatwirtschaftliche Unternehmung, und bei Siemens leitete er eine Projektgruppe zur Privatisierung der Sparte Halbleiter, später "Infineon". Der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in München half er bei der Reorganisation, der Bank Bär in Zürich half er beim Überleiten in eine neue Führungsgeneration und der niederländischen ABN-AMRO Bank in London beim Gründen eines internationalen Beirates.

Knut Bleicher war neben seinem Engagement im deutschsprachigen Raum auch international eine Instanz, in dem er ganz pragmatisch die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nutze. 1995 verlieh ihm die Indiana University (USA) den Doctor of Laws h.c., 1997 erhielt er die Ehrung durch die Universität GH Siegen als Doktor der Wirtschaftswissenschaften h.c. und war begehrter Dozent, was die Gastvorlesungen an der Universität Stuttgart, der Technischen Universität München, der Universidad Alcalá de Henares in Spanien, der Führungsakademie St. Petersburg und der Akademie der Wirtschaft beim Ministerrat der UdSSR dokumentieren.

Nach der Jahrtausendwende

Ab 2002 war Knut Bleicher Direktor der gemeinnützigen Gesellschaft für Integriertes Management (gimsg.ch). Diese verfolgt das Ziel, mit praxisnahen Publikationen, Forschungsberichten und einer jährlich stattfindenden Wissenschaftswoche das Gedankengut eines ganzheitlich-integrierten Managements verbreitend auszubauen. Eines der zahlreichen Forschungsprojekte, welche die Gesellschaft ermöglichte, umfasste ab 2005 die Herausgabe des sechsbändigen Werkes "Meilensteine eines Integrierten Managements". Jede Ausgabe setzt sich mit zentralen Fragen des normativen, strategischen und operativen Managements auseinander. Leser kommen seither in den Genuss, Knut Bleichers unermesslichen Wissensfundus in ihrer eigenen Bibliothek nutzen zu können. Das Nachschlagewerk umfasst thematisch geordnet und zusammengefasste Fachbeiträge, welche die Entwicklung des Management-Konzeptes nachzeichnen, vertiefen und ergänzen.

Von 2003 bis 2008 war Knut Bleicher Vorsitzender des Beirats und wissenschaftlicher Leiter der St. Galler Business School (SGBS), eine der renommiertesten Anbieterinnen von Management Education im deutschen Sprachraum. In dieser Zeit hat er zum dritten Male seine Ehrendoktorwürde, diesmal durch die Wirtschaftsuniversität Krakau (Uniwersytet ekonomiczny w krakowie), empfangen - unter anderem für das Ausgestalten des "European Multicultural Integrated Management Program".

2017 Rückblick und Ausblick

Knut Bleichers Konzept prägt bis heute das Management Valley St. Gallen, besonders durch die große Verbreitung seines Standardwerks. Dieser Nukleus des integrierten Managements wurde im Juli 2017 mit Blick auf die Führung 4.0 um digitale Arbeitsunterlagen erweitert. Vorauslenkend übertrug Bleicher die Gesamtverantwortung seines Werks an Dr. Christian Abegglen, Direktor und Präsident der St. Galler Business School, SGBS.

Das Konzept Integriertes Management lebt weiter, wird ausgebaut und ist vor allem einer jungen Generation von Wissenschaftlern und Managern zugänglich. Denn Bleicher war darauf bedacht, sein Wissen über den deutschsprachigen Raum weiterzugeben, und es Führungskräften über Grenzen hinweg zugänglich zu machen. Der Autor: "Wenn mein Werk die 'nachrückenden' jüngeren Führungskräfte und Studierende erreicht und einen theoriegeleiteten Beitrag bei gleichzeitiger Vermittlung von Anregungen für das Tagesgeschäft zur Sicherung der Lebensfähigkeit von Unternehmen erfolgt, dann habe ich mein Ziel erreicht." Am 13.1.2017 verlor die internationale Managementlehre einen seiner führenden Vertreter, doch Bleichers Werke und Lehre wirken weiter.

www.sgbs.ch

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