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Der Schwamm für Bäume: Struktursubstrate

Berlin (ots)

Es klingt ganz einfach: Bäume sind die Klimaanlagen der Städte. Wo sie kühlen und schattieren, lässt es sich auch bei Hitze noch aushalten, während benachbarte baumlose Straßenzüge und Plätze bei gleicher Wetterlage zu unerträglich heißen Bereichen werden. Diese natürlichen Klimaanlagen funktionieren durch die sogenannte Evapotranspiration. Doch viele der in den letzten Jahren gepflanzten Jungbäume kränkeln bereits nach wenigen Jahren und entwickeln sich nicht zu jenen jahrzehntealten Großbäumen, die großflächig Schatten samt Verdunstungskälte spenden. Neben der Klimakrise, welche den traditionellen Stadtbaumarten besonders zusetzt, liegt eine der Hauptursachen im Untergrund - im begrenzten Wurzelraum der Baumscheibe und in der hohen Verdichtung unter den benachbarten befestigten Flächen: Struktursubstrate als Unterbau könnten Lastabtrag und Wurzelraum kombinieren und einen Beitrag dazu leisten, dass Bäume auch im versiegelten Freiraum alt werden und zu gesunden, großkronigen Schattenspendern heranwachsen. In Skandinavien sind die Erfahrungen so gut, dass Struktursubstrate bei Stadtbaumpflanzungen seit 2004 unter dem Schlagwort "Stockholmsystem" in vielen Städten Standard sind. Weiter südlich gilt Österreich derzeit als Vorreiter, was praktische Erfahrungen mit einer auf dem skandinavischen Vorbild basierenden Bauweise betrifft.

Der Landschaftsarchitekt Stefan Schmidt verfolgt die praktische Anwendung von Struktursubstraten im Kontext der "Schwammstadt für Bäume" nicht nur mit seinem Planungsbüro in Wien - er begleitete sie auch wissenschaftlich: Bis 2021 leitete er die Abteilung Garten- und Landschaftsgestaltung an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt (HBLFA) für Gartenbau in Wien-Schönbrunn mit dem Forschungsschwerpunkt urbanes Grün an Straßen. Über Projekte und den 2018 in Wien gegründeten "Arbeitskreis Schwammstadt" steht er in engem Austausch mit Behörden, wissenschaftlichen Institutionen, Systemanbietern und Planungskollegen.

Struktursubstrate: Grobes und Feines ergänzen sich

Damit Bäumchen zu Bäumen heranwachsen, brauchen die Wurzeln vor allem Luft, Wasser und Nährstoffe, sowie ausreichenden Raum. Eine Binsenweisheit, die in versiegelten Innenstädten in der Regel aufgrund der bekannten Sachzwänge nicht ausreichend berücksichtigt werden kann. Im oberirdischen Straßenraum bleibt zu wenig Platz für große Baumscheiben und unterhalb versiegelter Flächen wird den Wurzeln zu wenig Platz gewährt. Dabei entspricht der erforderliche Wurzelraum etwa dem Volumen der Baumkrone.

Basierend auf dem "Stockholmsystem" hat er gemeinsam mit weiteren Fachleuten aus dem Arbeitskreis Schwammstadt das Prinzip der "Schwammstadt für Bäume" entwickelt: "Auch wir pflanzen den Jungbaum in ein Baumsubstrat. Das Besondere bei unserer Bauweise ist, dass der Wurzelraum unter die befestigten Flächen erweitert wird, ohne das Substrat zu verdichten und trotzdem die Tragfähigkeit zu gewährleisten. In dieses stabil gelagerte, grobe Substrat kann der Baum mit zunehmendem Wachstum einwurzeln. In Österreich nennen wir dieses tragende Gerüst Grobschlag. Es nimmt die Verkehrslast auf und gibt sie über die Kanten der Steine weiter an den Untergrund." Auf diese Weise entsteht unterhalb von Wegen und Plätzen ein tragfähiges Skelett, dessen Hohlräume für Luft und Regenwasser, aber auch für Wurzelsubstrat zur Verfügung stehen. Der Effekt: Unterhalb versiegelter Flächen entsteht zwischen den Steinen ein durchwurzelbarer Raum. Je nach lokaler Verfügbarkeit besteht dieser Grobschlag aus Granit oder Dolomit: "Wir verwenden eine sogenannte Einkornmischung mit gleich großen Korngrößen, meist 100 bis 150 mm. Der Hohlraumanteil beträgt je nach verkehrstechnisch erforderlicher Verdichtung 30 bis 40 Prozent." Diese Räume könnten hohl bleiben und als Retentionsraum für Wasser dienen. Im erweiterten Wurzelraum des Baumes werden die groben Poren mit dem zweiten Substratbaustein, dem sogenannten Schlämmsubstrat gefüllt. Es besteht aus einer Mischung aus Feinsand und Grobschluff, die für Struktur und Feldkapazität sorgen. Außerdem wichtig: Kompost und Pflanzenkohle als Lebensraum für Mikroorganismen und zur Nährstoffversorgung. Seinen Namen verdankt das Schlämmsubstrat der Art der Ausbringung: Es wird vor Ort mit Wasser in den bereits verdichteten Grobschlag eingeschlämmt. Das Substrat bleibt dadurch unverdichtet.

Größerer Wurzelraum statt Blumentopf

Strukturstabile Substrate bilden quasi den Schwamm der "Schwammstadt für Bäume", aus dem sich die Wurzeln mit Luft, Wasser und Nährstoffen versorgen. Doch es ist nicht nur die Beschaffenheit aus Grobschlag und Schlämmsubstrat, die den Bäumen guttut, erläutert Schmidt: Entscheidend für die Funktion des Systems ist die Belüftungs- und Verteilungsschicht zwischen dem Oberbau der Verkehrsfläche und dem Struktursubstrat. Hier findet der für Böden lebensnotwendige Austausch mit der atmosphärischen Luft statt. Auch das Regenwasser wird über diese Schicht im Schwammkörper verteilt. Das Wasser gelangt bei dem System einfach durch seitlich perforierte Gullys oder durch sogenannte "Raingardens" vorgereinigt in den Untergrund. Die Verteilung in der Fläche übernehmen Sickerrohre, die Wasser auch zu weiter entfernten Bäumen leiten. Der für die Bodengesundheit erforderliche Luftaustausch erfolgt ebenfalls durch diese Technik. Mit ihrer Hilfe kann auch das Wasser von Dachflächen für die Baumversorgung genutzt werden.

Das Wissen wächst auch hierzulande

In Österreich sind bereits viele Projekte mit strukturstabilen Substraten nach dem Prinzip der "Schwammstadt für Bäume" umgesetzt worden. Stefan Schmidt schätzt deren Zahl auf rund 80 - an vielen war und ist er mit seinen Kollegen aus dem Arbeitskreis Schwammstadt als Berater beteiligt. Längst wächst auch in Deutschland die Zahl der Kommunen, die dieser Bauweise vertrauen. Einige haben auch größere Prestige-Projekte nach dem Prinzip der "Schwammstadt für Bäume" beauftragt. In Karlsruhe wird derzeit der Bahnhofsplatz Süd neu gestaltet. Die Planung erfolgte durch das in Wien, München und Köln ansässige Büro "bauchplan ).(" - auch hier beriet Stefan Schmidt die Landschaftsarchitekt:innen. Mit jedem neuen Projekt steigt die Datenmenge praktischer Erfahrungen, die das Prinzip auch für andere Städte attraktiv machen könnte. Den Ausschlag werden die Bäume geben, für die das Schwammstadtprinzip entwickelt wurde. Wenn sie darin gut gedeihen und wie erhofft zu wirkungsvollen Klimaanlagen heranwachsen, dürfte das Modell nicht nur in Stockholm zum Standard werden.

Nähere Informationen: Unter der Website www.schwammstadt.at informiert der "Arbeitskreis Schwammstadt" über neue Projekte und Erkenntnisse rund um die "Schwammstadt für Bäume" und ihre strukturstabilen Substrate. Dort finden sich auch Links zu Planer:innen und Berater:innen.

Pressekontakt:

Jana Zielsdorf
Leiterin Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 030-240 86 99-24
zielsdorf@gruen-ist-leben.de
www.gruen-ist-leben.de

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